Anfang dieses Jahres war ich eingeladen, an der Berliner FU über italienische Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland zu sprechen. Das bot mir eine willkommene Gelegenheit, endlich einmal gründlich zu recherchieren, was es an KJL-Übersetzungen aus Italien im deutschsprachigen Raum überhaupt so gegeben hat – seit etwa 1900. Rasch stellte sich jedoch heraus, dass dies ein langwierigeres Unterfangen werden würde. Denn allein die online-Expertensuche in der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) lieferte mir für den Zeitraum ab 1995 mehr als 1300 Fundstellen. Neuauflagen allerdings inklusive. Jetzt im Herbst sind es bereits mehr als 1400 Publikationen … und die habe ich bis jetzt natürlich nicht alle sichten und lesen können (falls das überhaupt je möglich sein soll).
Darüber hinaus gestaltet sich die Recherche nach den älteren Titeln noch schwieriger, da die Verschlagwortung in der DNB nach Originalsprache und/oder Übersetzer:innen-Namen vor 1995 nicht konsequent angelegt wurde. Sind einem die Namen der italienischen Autor:innen nicht bekannt, lassen sie sich folglich auch nur schwer finden. Aber ich nutze jede Gelegenheit, wenn mir in meiner täglichen Arbeit neue Namen und Titel unterkommen.
Daher führe ich eine eigene Liste der Übersetzungen, ohne Neuauflagen, allerdings mit den verschiedenen Übersetzungen von Pinocchio oder Gianni Rodari. Mittlerweile ist auch diese Liste auf knapp 1400 Publikationen zwischen 1894 und heute angewachsen – und ist noch lange nicht vollständig.
Aktuell habe ich wieder die Neuerscheinungen aus dem Italienischen, die ich ja seit ein paar Jahren intensiver beobachtet, zusammengetragen. Allerdings gelingt es mir auch dieses Mal nicht, einen vollständigen Überblick zu gewinnen. Zu vielfältig sind die Publikationen aus Italien, die manchmal gar nicht als solche zu erkennen sind, da die Autor:innen nur im Impressum genannt werden oder die Bücher nicht in Buchhandlungen, sondern in Discountern verkauft werden.
Universelle Geschichten aus Italien
Trotzdem habe ich wieder ziemlich viele Kinder- und Jugendbücher aus Italien gefunden – die erstaunlich wenig über Italien selbst erzählen. Es sind fantastische Geschichten oder Sachbücher, im überwiegenden Fall Bilderbücher für eine ganz junge Zielgruppe. Diese Bücher stehen über nationalen Eigenarten und sind universell gültig. Sie spielen in Wald und Feld, in New York, Paris, Nagasaki, Nürnberg oder Afghanistan. Sie erzählen von Walen und Lichtverschmutzung, suchen das Glück und animieren zum Reisen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass es in Italien keine KJL über Italien gibt. Es gibt sie durchaus. Nur wird sie meist nicht ins Deutsche übersetzt, da sich die hiesige Zielgruppe nur schlecht mit italienischen Lebensumständen und Realia identifizieren kann. Solche Geschichten würden sich demnach hier nur mäßig verkaufen.
Doch genug der Vorrede, hier kommt der Blick auf 50 Publikationen aus Italien, erschienen bei 27 verschiedenen deutschen Verlagen.
Bilderbücher

Gleich das erste Buch ist editorisch eine Besonderheit, denn die Autorin Kim Crumrine ist … Amerikanerin. Dennoch ist dieses entzückende kleine Pappbilderbuch aus dem Italienischen übersetzt worden. Ergo zähle ich es hier mit dazu.
Wir habe es hier mit dem klassischen Setting des Bauernhofs zu tun. Es ist Abend und die Tiere gehen nacheinander schlafen und zwar in den kleinen roten Stall. Als erstes eine Maus, dann zwei Katzen, danach drei Hunde. Und so geht der Reigen weiter, die Tiere werden immer zahlreicher, sodass man schließlich bis zehn zählt. Links ist immer unverändert der Eingang des kleinen roten Stalls zu sehen. Der Himmel hingegen färbt sich langsam immer dunkler. Die Hühner bringen zwei Eier im Körbchen mit, die Alpakas – auch die gehören heute zu modernen Bauernhöfen – haben Kuschelteddy und Kuscheldecke dabei. Dass die vielen Tiere alle in den kleinen roten Stall passen, lässt einen staunen … und schließlich lachen. Die Auflösung wird natürlich nicht verraten. Der Spaß ist jedenfalls garantiert!
Ausgezeichnet wurde das Büchlein in Italien 2025 mit dem renommierten Premio Andersen und dem Premio Nati per Leggere.
Kim Crumrine: Der kleine rote Stall, Ü: Markus Weber, Moritz, 2026, 36 Seiten, ab 2, 14 Euro
Von Rot zu Orange. So präsentiert sich das Dingsbums. Es ist nach dem Urknall übrig geblieben, bei dem jedes Ding, ob groß oder klein, seinen Platz gefunden hat. Nur das Dingsbums eben nicht. Niemand weiß, wofür es gut ist, und was es überhaupt ist. Für alle möglichen Funktionen ist es entweder zu klein, zu leicht, zu groß, zu schwer, zu unpassend.
Erst als es auf ein Kind in einer Sandkiste stößt, wird das Dingsbums zu etwas. Es verwandelt seine Gestalt und seine Funktion, entdeckt die Freundschaft und die Vielfältigkeit im Sein.
Für kleine Schauende ist dieses Buch ein großer Spaß und zeigt in den reduzierten grau-orangenen Bildern von Marianna Coppo die ganze Bandbreite des Lebens … und dass wir alle nicht nur das Eine oder das Andere sind, sondern viele verschiedenen Seiten in uns stecken.
Marianna Coppo: Dingsbums, Ü: Tanja Raich, leykam, 2026, 40 Seiten, ab 3, 30 Euro
Ohne einen Erzähltext kommt das Bilderbuch von Fred Paronuzzi aus. Lediglich die Geräusche des Tages werden lautmalerisch wiedergegeben.
Eine Geschichte wird in den Bildern erzählt: Der Vater weckt morgens sein Kind, beim Frühstück läuft das Radio , es wird geschlürft und geschmatzt, beim anschließenden Zähneputzen wird geschrubbt und auf der Straße herrscht richtiger Radau.
Dann geht es weiter im Leben des Kindes: Kindergarten, basteln, spielen im Garten, im Schwimmbad und wieder nach Hause.
Auch ohne Worte eröffnen die Illustrationen eine ganze Welt, die sich gut in gemeinsamen Schauen und Erzählen zwischen Elternteil und Kind entdecken lässt.
Der einzige Hinweis, dass hier ein italienischer Autor am Start war, ist die achteckige Caffetiera in der Küche … ohne die können Italiener:innen einfach nicht leben.
Fred Paronuzzi: Psst, Krach, Bumm. Wie klingt ein Tag?, Illus: Mariana Ruiz Johnson, Ü: Stefanie Beck, Hanser, 2026, 24 Seiten, ab 4, 16 Euro


Ein Hauch von Italien liegt bei der folgenden Bilderbuchreihe zumindest im Titel: Pettirosso bezeichnet das Rotkehlchen, das hier die Hauptrolle spielt.
Der kleine Jungvogel erlebt zum ersten Mal die Jahreszeiten Herbst und Winter. Die Blätter fallen, die Tiere im Wald ziehen sich in ihren Höhlen zurück oder fliegen in den Süden, ins Warme. Die Felder sind abgeerntet, aber der Bauer, der Brot und Apfelmus zubereitet, gibt den kleinen Federknäulen gern etwas ab.
Den Winter verbringt Pettirosso mit seiner Mutter in einem Vogelhäuschen, sucht aber draußen weiter nach seinen Freunden. Dabei erfährt er, wie kalt, aber weich der Schnee ist, wie die Formen im Schnee verloren gehen, wie der See zufriert. Schnell hat Pettirosso beim Spielen mit seinen verbliebenen Freunden Hunger, doch in dem kahlen, verschneiten Wald ist nichts zu finden … Zurück bei Mama ist es wenigstens kuschlig warm.
Diese beiden Bücher leben von den Illustrationen von Giulia Dragone. Die Geschichten sind eher Beschreibungen von jahreszeitlichen Phänomenen, die in Reimform vermittelt werden. Allerdings packen mich die übersetzten Reime leider nicht, denn es holpert an manchen Stellen doch etwas zu sehr. Vielleicht hätte man lieber auf die Reime verzichten und stattdessen die Geschichten freier erzählen sollen. Aber auch das muss man sich erst einmal trauen …
Ester Tomè: Winter mit Pettirosso, Illus: Giulia Dragone, Ü: Sebastian Hoch, Freies Geistesleben, 2026, 32 Seiten, ab 4, 18 Euro
Das nächste Tierkind will es seinem Vater recht machen: Der kleine Löwe wird von Vater Löwe aufgefordert, nun endlich mal seine erste Gazelle zu fangen. Und zwar allein. »Babyleicht!«, denkt sich der Lütte und rennt los.
Doch so einfach ist das Unterfangen natürlich nicht. Gazellen sind schnell, können weit springen, sind schlau. Da hilft auch das beste Training und der gewiefteste Plan nichts. Selbst der Tipp von Tante Elefant vielleicht mal »Bitte« zu sagen, bringt nicht das gewünschte Ergebnis. Der kleine Löwe gibt eine ziemlich lächerliche Figur ab und ist frustriert.
Er zieht sich zurück. Doch das weckt die Neugierde der Gazelle, die ihren Spielpartner vermisst. Die Lösung wird natürlich nicht gespoilert, aber hier wird ganz nonchalant vermittelt, dass man auch als kleiner König der Savanne lernen und Erfahrung sammeln muss. Und dass Fehler auf jeden Fall dazugehören!
Die dick schwarz umrandeten Figuren auf den himmelblauen und orangeroten Flächen sehen lustig aus, vermitteln humorvoll ihre Botschaft und überfordern kleine Betrachter:innen nicht.
Camilla Pintonato: Jetzt fang ich dich!, Ü: Markus Weber, Moritz, 2025, 48 Seiten, ab 3, 15 Euro
Auch im Bilderbuch von Alessandro Montagnana ist der Held ein Löwe. Allerdings ein pupsender. Und das ist dem König der Tiere in der afrikanischen Savanne ganz schön peinlich. Also verzieht er sich bei jedem Bauchgrummeln hinter einen Baum, um nicht erwischt zu werden.
Als eines Tages unbemerkt eine kleine Maus hinter ihm weggeblasen wird, versteckt sich der Löwe und schämt sich. Doch seine Freunde, Giraffe, Nilpferd, Affe, Krokodil und Stachelschwein machen sich Sorgen und suchen ihn. Am Ende veranstalten sie ein tierisch-lustiges Pupskonzert und machen klar, dass Darmwinde etwas ganz Natürliches ist. Kleine Bücherwürmer haben hiermit ganz sicher ihren Spaß, wenn sie dieses Buch noch in die Finger bekommen. Denn leider hat sich der deutschsprachige Teil von minedition im vergangenen Sommer aufgelöst. Aber vielleicht hat die eine oder andere Bibliothek das Buch noch zum Ausleihen im Regal.
Alessandro Montagnana: Der pupsende Löwe, Ü: Igna Gantschev, minedition, Zürich, 2025, ab 3, vergriffen
Die Sache mit den Haustieren ist manchmal nicht ganz einfach. Die Heldin dieser Geschichte beneidet ihre Freunde um ihre Haustiere und will also auch eins. Sie plündert ihr Sparschwein und kann sich von dem Geld sogar zwei Zwerghamster kaufen. Denen macht sie es so richtig schön, mit selbstgebastelten Klamotten und einem richtigen Hamsterhaus.
Doch irgendwann bekommen die zwei Hamster Nachwuchs. Die Bande verschläft die Tage, feiert die Nächte durch und wird immer größer. Die Hamsterhäuser nehmen bald das ganze Zimmer ein und werden in den Garten verfrachtet. Doch auch der wird irgendwann zu klein und die grauen Fellknäule erobern die Stadt.
Diese Eskalation eines Haustierabenteuers ist knallbunt illustriert, sehr witzig und hat ein überraschendes Ende. Die unzähligen Hamster verwandeln die Seiten in Wimmelbilder, sodass man ganz genau hinschauen muss, wo sie sich überall herumtreiben. Ein toller Spaß!
Martina Tonello: Hamsterinvasion, Ü: Andrea Grill, Achse Verlag, 2026, 48 Seiten, ab 4, 22,50
Und plötzlich ist da ein roter Knopf. Der Hase weiß nicht, ob er schon immer da war oder erst seit Neuestem. Nach und nach kommen die anderen Tiere an – Fuchs, Bär, Auerhahn, Eichhörnchen und Regenwurm. Es entspinnt sich eine heftige Diskussion, ob man diesen Knopf drücken soll oder nicht. Und was er wohl auslöst … Was Schönes? Hitze? Kälte? Färbt er vielleicht alle Tiere bunt? Gibt es eine Katastrophe? Fragen über Fragen. Optimisten treffen hier auf Pessimisten. Der Uhu will eine Abstimmung, aber der Größte entscheidet, dass nicht abgestimmt wird. Demokratisch ist das zwar nicht, aber darum geht es hier auch nicht.
Die überaus lustige Auflösung bleibt hier geheim – der Lese- und Diskutierspaß ist garantiert. Der Fantasie werden Tür und Tor geöffnet, was dieser rote Knopf noch so alles bewirken könnte.
Matilde Tacchini: Pfoten weg vom roten Knopf!, Ü: Amelie Thoma, mixtvision, 2026, 48 Seiten, ab 4, 18 Euro
Marco Viale, von dem bereits Vorsicht, roter Wolf! und Ich bin König auf Deutsch erschienen sind, schickt nun die alte Hexe Irma in die Buchhandlungen.
Irma hat keine Lust mehr auf ihr Hexendasein, will nicht mehr auf dem unbequemen Besen fliegen und immer dieselben Geschichten von ihren schwefelstinkenden Kolleginnen hören. Auch ihre Monsterfreunde hat sie satt. Hexen sind zudem ziemlich out.
Aber am meisten hasst sie ungehobelte Halbstarke, Besserwisser und Rabauken. Die verwandelt sie im Handumdrehen in Kröten, Hühner oder Goldfische – und wird dafür abgefeiert.
Plötzlich ist Irma ein Star und ihr Leben ändert sich mit einem Schlag … Doch irgendetwas fehlt ihr bei all der Popularität.
Marco Viale nimmt in diesem charmanten Büchlein die Influencer- und Promiszene aufs Korn und feiert mit seinen schrägen Zeichnungen schließlich die Freundschaft und das gewohnte, vermeintlich langweilige und muffige Leben jenseits der Kameras.
Marco Viale: Irma hebt ab, Ü: Pia Jüngert, mixtvision, 2026, 56 Seiten, ab 5, 15 Euro
Wer kennt es nicht? Im Schwimmbad vom höchsten Sprungbrett ins Wasser hüpfen – nichts leichter als das. Doch der Held aus diesem Bilderbuch zögert und zaudert. Die anderen Kinder drängeln, doch er lässt sich nicht beeinflussen. Im Geiste sieht er sich schon ganz wunderbar springen und Salti schlagen, und doch … er zaudert und zögert.
Auch das kennen wir: In Gedanken malen wir uns die Dinge ganz leicht und wunderschön aus, ernten bereits Lorbeeren, noch bevor wir geliefert haben. Um diese Diskrepanz zwischen Innenleben und Außenwelt dreht sich Joaquin Camps Bilderbuch Der Sprung, das uns mit quietschbunten Filzstiftillus im Kinderstil in ein Schwimmbad entführt.
Die vermeintlich schlichte Geschichte um einen Sprung ins Becken öffnet ein Fenster zu unserer Fantasie, unseren Ängsten und unserem Umgang damit. Vielleicht hilft es den Betrachtenden beim nächsten Schwimmbadbesuch, einfach mutig zu springen, auf jeden Fall gibt es zu denken und fordert eine Übertragung auf andere Alltagsängste geradezu heraus. Um schließlich doch den Mut für Neues zu finden.
Joaquin Camp: Der Sprung, Ü: Stefanie Malleier, Katapult Verlag, 2025, 40 Seiten, ab 5, 16 Euro
Hoch hinauf geht es in Ein Tag, ein Aufzug von Cristina Petit. In dem hochformatigen Bilderbuch ist auf jeder Seite die Tür eines Aufzugs zu sehen, aus dem gerade Menschen herauskommen oder in den sie einsteigen. Sie haben unterschiedlichste Dinge dabei: Briefe & Päckchen, Bonbons, Strickzeug, Werkzeugkiste, Einkäufe, unsichtbare Schuhe. Die Texte zu den Aufzuggästen sind skurril und leicht verdreht. So führt der Hund das Herrchen in den Park, ein Babysitter hört den ganzen Tag Gedichte über Dschungeltiere, eine Pilotin-Mama landet den Hubschrauber auf dem Dach … So geht es rauf und runter und am Ende erwartet alle eine wunderbare Überraschung.
Für kleine Menschen mit Fahrstuhl im Haus ist das Buch ein Wiedererkennungsschatz. Für alle anderen eine Einladung zum Schauen, Rätseln und Geschichtenausdenken, was die Aufzugbenutzer:innen noch so alles machen könnten.
Cristina Petit: Ein Tag, ein Aufzug, Illus: Chiara Ficarelli, Ü: Anne Brauner, Achse Verlag, 2025, 28 Seiten, ab 4, 22,50 Euro
Mein Freund der Baum ist … nicht tot. Es ist nur ein Traum, der das namenlose Mädchen mit ihrem kleinen Schwanzäffchen am Anfang dieses poetischen Bilderbuches quält. Nach dem Erwachen findet sie den riesigen Mammutbaum unversehrt im Urwald aufragen. Sie klettert hinauf und erblickt von dort oben die Schönheit der Welt, hört aber auch das Getöse von Kriegen.
Man möchte mit diesem zarten Mädchen mit langen Haaren bis zu den Knien weiter durch den Urwald laufen, möchte die Natur beschützen und die Menschen, die »klein wie Ameisen auf den Straßen herumlaufen«, daran erinnern, dass die Natur die Grundlage für unser aller Überleben ist. Eine stille Ermahnung an uns alle.
Nadia Al Omari: Ich bin ein Waldmädchen, Illus: Richolly Rosazza, Ü: Cornelia Panzacchi, Gabriel, 2025, 32 Seiten, ab 4, 18 Euro
»Wer weiß, was Glück ist, sage es und behalte es nicht für sich.« Wie ein Mantra zieht sich dieser Satz durch das Bilderbuch von Luca Tortolini. In kurzen Texten geht er auf die Suche nach eben diesem Gefühl, das wir alle so gern empfinden, dem wir aber manchmal viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken.
Denn schnell ist das Glück wieder vergangen oder wir haben es gar nicht erst bemerkt. Tortolini stellt mehr Fragen, als dass er Antworten gibt. Und so macht man sich automatisch auf die Suche nach Glücksmomenten in den zarten Illus von Marco Soma. Hier bevölkern bekleidete Tierfiguren fantastische Szenerien, in denen schon mal ein Schiff fliegt, ein Turm mit Baum obendrauf auf einem Boot schwimmt, Schmetterlinge größer als Katzen sind, ein Hase auf einem Koffer im Meer reitet. Je länger man schaut, umso mehr Absurditäten und glücklich machende Kleinigkeiten entdeckt man.
Und am Ende weiß am ein kleines Bisschen mehr über Glück und kann es schätzen.
Ein echtes Glücksbuch!
Luca Tortolini: Wer weiß, was Glück ist?, Illus Marco Soma, Ü: Paola Sfilio und Celine Eßlinger, Carl-Auer-Kids, 2025, 30 Seiten, ab 4, 19,95 Euro
Das Glück einer Reise kann man danach in dem quadratischen Bilderbuch von Beatrice Masini erkunden. Hier sind die Illus von Gianni de Conno reduzierter, aber nicht minder geheimnisvoll: Eine Brücke im Nebel, eine Vollmondnacht, ein Heißluftballon über seltsamen Felsen im Meer. Man wird als Erwachsene:r unweigerlich an Denis Hopper oder Magritte erinnert. Auch etwas, das glücklich macht.
Die ebenfalls kurzen Texte befassen sich mit den Erwartungen und guten wie bösen Überraschungen, die einem auf einer Reise begegnen können. So sind die nicht geplanten Wege, die falschen Abkürzungen oder die blöden Hindernisse oftmals ein Garant für Glück, auch wenn wir das oftmals erst am Ende einer Reise erkennen.
Die philosophischen Sentenzen geben jedenfalls eine Menge Anregungen, zum Nachdenken, zum Diskutieren und machen vor allem Lust auf die nächste Reise und das damit verbundene Glück!
Beatrice Masini: Die Reise zum Glück, Illus: Gianni De Conno, Ü: Brigitte Korn-Wimmer, Dresslerillustro, 2025, 32 Seiten, ab 4, 20 Euro
Um die vielen Aspekte einer Reise geht es auch in Anna Benottos Bilderbuch Reisen. Ein namenloser Bär reist, mal schnell, mal mit dem Fahrrad, mal allein, mal in Gesellschaft, mal blind für das Offensichtliche, mal aufmerksam für die Kleinigkeiten am Wegesrand.
Aber auch Aspekte wie Kulinaria, Fluchtbewegungen, Heimweh und Selbstfindung lassen sich in den grau-beigen Schrafurzeichnungen finden. Orte wie Venedig, Hongkong oder Kathmandu werden angedeutet, ebenso wie Flusslandschaften oder Urwald.
Hier kann in den jüngsten Leser:innen eine große Reiselust geweckt werden, aber auch die Freude nach all den Abenteuern wieder in das gewohnte und geliebte Zuhause zurückzukehren.
Anna Benotto: Reisen, Ü: Christel Rech-Simon, Carl-Auer Verlag, 2026, 38 Seiten, ab 4, 20 Euro
Fast schon ein Sachbuch mit sehr philosophischem Ansatz ist Unsichtbar von Daniela Pareschi. Die Doppelseiten bringen einem jeweils eine Art zu sehen näher. Links findet sich eine graphische Erklärseite mit dem zweiteiligen Satz »WENN ich …, SEHE ich …«, so beispielsweise: »WENN ich auf Einzelheiten achte, SEHE ich das Kleine im Großen.« Rechts gibt es dazu dann wunderschöne Illus in ganz unterschiedlichen Techniken.
Nach und nach kommen Elemente wie die Zeit, die Zukunft, die Langsamkeit, das Passieren, die Veränderung und anderes mehr ins Spiel. Und so baut sich hier eine Schule des Sehens und der Perspektiven auf. Denn je nach dem wie aufmerksam wir sind, wie sehr wir uns für große und kleine Dinge öffnen, unsere Fantasie einsetzen und uns selbst verändern, wechselt auch unsere Sicht auf die Welt. Auch das genaue Hinsehen und Betrachten der Seiten dieses Buches öffnet einen für Neues und hilft mit Sicherheit, die ständigen Veränderungen beim Großwerden spielerisch zu ertragen.
Daniela Pareschi: Unsichtbar, Ü: Cornelia Panzacchi, Gerstenberg, 2026, 44 Seiten, ab 5, 18 Euro
Unsichtbar ist in dem Bilderbuch Jetzt und für immer wir drei die dritte Person. Denn hier lebt Olivo mit seinem Papa zusammen und das, was früher reibungslos lief, ist nun auf einmal etwas komplizierter. Nur die Umarmungen von Papa sind mehr geworden.
Vater und Sohn müssen ihre Trauer und Wut über den Tod der Mutter verarbeiten. Olivo macht zunächst einiges kaputt, bis der Vater ihm Holz zum Bearbeiten gibt. Und so schaffen die beiden nach und nach ein wunderschönes Baumhaus. In dem auch Mama ihren Platz hat und für immer bei den beiden sein wird.
Marco Somà stellt Vater und Sohn als langohrige und spitzmäulige Wesen mit Fuchsschwänzen dar, die sehr liebevoll miteinander umgehen. Die detaillierten braun-blau-gehaltenen Illus bieten viel Entdeckungspotential, so dass dieses Buch ein wertvoller Trauerbegleiter werden kann.
Chiara Lorenzoni: Jetzt und für immer wir drei, Illus: Marco Somà, Ü: Celine Eßlinger und Paola Sfilio, Car-Auer Verlag, 2025, o.S., ab 6, 20 Euro
Fantastisch, mit Bezug auf unsere heutige Social-Media-Welt, geht es bei Davide Calì zu. Auf einer kleinen Insel wohnt Der Mann, der keinen Namen hatte. Weil er so allein ist, gibt er allem auf der Insel einen Namen: Den Bäumen, den Bergen, den Steinen und den wenigen Tieren. Der namenlose Mann hat also in gewisser Weise Gesellschaft und fühlt sich wohl.
Doch eines Tages kommen Menschen von der anderen Seite des Meers auf die Insel, machen Fotos und bestaunen den kleinen Mann.
Die Besucher nehmen ihn mit auf einen Kreuzfahrtdampfer und in eine große Stadt. Er bekommt einen Namen, wird interviewt und berühmt … bis seine angeblichen neuen Freunde einen seltsamen Typen aus einem Wald finden.
Diese Parabel auf die angeblichen Freundschaften im Netz und die schnelllebigen Hypes, die heute durchs virtuelle Dorf getrieben werden, gibt auf jeden Fall zu denken. Denn sie erinnert daran, wie schön es ist, einfach ein paar stille, aber reale Freunde in der echten Welt zu haben.
Davide Calì: Der Mann, der keinen Namen hatte, Illus: Licia Carlini, Ü: Celine Eßlinger, Carl-Auer Verlag, 2026, 38 Seiten, ab 5, 20 Euro
Eigentlich aus dem Französischen, aber doch von der italienischen Illustratorin und Autorin Beatrice Alemagna stammt das künstlerische Bilderbuch über die Veränderungen: Dinge, die vorüber gehen.
In der Mitte einer jeden Doppelseite findet sich eine durchlässige Seite Transparentpapier, auf der sich ein Teil der Illu befindet. Bei jedem Umblättern einer solchen Seite verändert sich das Bild: Alles ist im Fluss, alles geht vorbei, fliegt davon, Träume lösen sich auf, Wunden verschwinden, Musik verklingt, Seifenblasen zerplatzen … nur der Staub kommt immer wieder.
Mit ihren charaktervollen Tuschebildern gelingt es Beatrice Alemagna auch schon kleinen Kindern die vielleicht größte Herausforderung des Lebens nahezubringen: die permanente Veränderung, das Unstete, der Wechsel, der selbst den Erwachsenen oft zu schaffen macht. Das, was am Ende als Einziges bleibt, ist die Liebe zwischen Elternteil und Kind … und das macht dieses Buch zu einem Schatz.
Beatrice Alemagna: Dinge, die vorübergehen, Ü: Sophie Zeitz (aus dem Französischen), Hatje Cantz, 3. Aufl. 2026, 48 Seiten, ab 4, 20 Euro
Auch Hugo erlebt ständig Veränderungen. Es geht eines Morgens los, da fühlt er sich nach dem Aufstehen plötzlich ganz krickelkrackelig. Innerlich wie äußerlich ist alles durcheinander. Hugo hofft, am nächsten Tag wieder normal zu sein. Doch nix da. Nun ist er gestrichelt. Dann gepunktet, geschnörkelt, vernebelt.
Jede Seite, die einen von Hugos Zuständen zeigt, wird zu einem eigenen Kunstwerk. Es gibt keine Erklärungen, warum Hugo plötzlich so verändert ist. Und auch die Reaktionen seiner Umwelt auf seine Veränderungen helfen ihm nicht wirklich weiter.
Allen Betrachter- und Leser:innen geben Hugos Wandlungen viel Raum für Wiedererkennung und eigene Überlegungen. Die philosophische Frage »Wer bin ich?« bekommt hier eine Erweiterung im Sinne von »Wie bin ich?« und es ist am Ende okay, so zu sein, wie man ist – und das muss nicht jeden Tag gleich sein. Ein großartiges Buch gegen die angebliche Normalität.
Sergio Olivotti: Hugo sein, Illus: Giulia Pastorino, Ü: Nicola von Velsen, Hatje Cantz, 2026, 40 Seiten, ab 5, 18 Euro
Etwas ratlos lässt mich das Bilderbuch Hunde in London zurück. Nicht dass es nicht schön ist. Die Illus von unzähligen Hunden an den berühmtesten Orten Londons – Buckingham Palace, Piccadilly Circus, Tower Bridge und viele mehr – sind entzückend. Doch ich frage mich, an wen sich das Buch richtet. Denn in den kurzen Texten, die die Orte erklären, werden die Lesenden gesiezt. Und das ist für ein Kinderbuch echt sonderbar bzw. für kleine Schauende und Suchende wohl eher verwirrend. Sicherlich haben auch Erwachsene Spaß an Wimmelbildern und suchen gern die Nadel bzw. den Hund im Gewühl, aber ganz schlüssig erscheint mir das hier nicht.
Hier würde ich gern einen Blick ins Original werfen, um die ursprünglichen Texte zu lesen. Möglicherweise gab es ein Missverständnis beim Übersetzen, was in diesem Fall der Verleger selbst besorgt hat.
Wer sich an dem Gesieze nicht stört, kann in amüsanten Hundwimmelbildern versinken, die die italienische Illustratorin Ilaria Mancini liebevoll komponiert hat.
Ilaria Mancini: Hunde in London, Ü: Gregory C. Zäch, midas, 2026, 64 Seiten, ab 5, 16 Euro
Ganz ohne Worte interpretiert Mariachiara Di Giorgio in faszinierend, aber auch ein bisschen unheimlichen Bildern die Geschichte von Hänsel und Gretel neu. Die Mutter verlässt abends das Haus, Bruder und Schwester bleiben mit der Oma allein zu Hause. Aber die Oma ist schon etwas merkwürdig und beängstigend. Als sie schläft, schleichen sich die Kinder aus dem Haus und in den Wald. Während des einsetzenden Regens flüchten sie in eine Höhle. Dort begegnet ihnen ein schönes Mädchen – allerdings hat sie behaarte Ziegenbeine und leuchtende Augen, die die Dunkelheit durchdringen. Die Kinder schließen sich ihr an, tanzen durch die Nacht, den Wald, sehen Nachtkreaturen, fangen Sternschnuppen, beobachten, wie der Mond über die Berggipfel wandert … und gelangen schließlich nach Hause zurück.
Poetisch, aber durchaus etwas gruselig geht es hier zu. Die Geschichte kann man sich beim Ansehen dann selbst ausdenken. Und später vielleicht mal eine Nachtwanderung durch einen Wald wagen.
Mariachiara Di Giorgio: Eines Nachts, NordSüd, 2026, 48 Seiten, ab 4, 20 Euro
Sachbücher
Mit feinem Strich illustriert Valentina Gottardi das Bildersachbuch über umgestürzte, tote Bäume. Das mag zunächst abschreckend klingen, doch wenn im Wald ein Baum umfällt und quasi sein Leben beendet, schenkt er gleichzeitig unzähligen Lebensformen ein neues Zuhause. Flechten und Moose können sich auf ihm ausbreiten, Käfer, Ameisen und andere Insekten finden Unterschlupf und Nahrung, Pilze und Schnecken machen sich breit. Dazu kommen natürlich Vögel und Säugetiere. Totholz ist also ein überaus wichtiger Teil im Wald, der die Artenvielfalt fördert und unser Klima schützt.
Die kurzen gutverständlichen Texten liefern einen detaillierten Einblick in das Biotop Wald. Die Illus gleichen manchmal einem Blick durchs Mikroskop und zeigen die kleinsten Wesen und Pflanzenbestandteile in Vergrößerung. Nach dieser Lektüre wird man beim nächsten Waldspaziergang sehr viel mehr sehen, entdecken und wertschätzen können.
Danio Miserocchi/Maciej Michno: Das zweite Leben der Bäume, Illus: Valentina Gottardi, Ü: Cornelia Panzacchi, Gerstenberg, 2025, 48 Seiten, ab 6, 18 Euro
Zwei schon etwas ältere Sachbücher widmen sich zwei ganz besonderen, sehr beliebten Vierbeinern: den Schafen und den Kaninchen. Ilaria Demonti erzählt in kurzen Texten alles Wissenswerte über die Wolllieferanten und die kuschligen Haustiere. Dabei gibt es nicht nur altbekannte Fakten – wie Kaninchen bekommen viele Nachkommen oder Schafe sind ängstlich – sondern auch Überraschendes: So können sich Schafe selbst nach zwei Jahren noch an menschliche Gesichter erinnern und finden sich in einem Labyrinth zurecht. Dass Schafe also dumm wären, ist damit schon mal widerlegt.
Beide Bücher zeigen neben der Biologie der Tiere auch die Kultur, die uns mit diesen Wesen verbindet: Schafe liefern seit Urzeiten Wolle und Milch, die Kaninchen hingegen sind eine große Inspirationsquelle für die Kunst in Form von Geschichten (»Peter Hase«) oder Gemälden. Das Kaninchenwörterbuch hilft darüberhinaus, den eigenen Hausgesellen besser zu verstehen, während die Schafskäse-Leckereien aus aller Welt Lust auf eine kulinarische Erkundungstour macht.
Camilla Pintonato hat beide Bücher liebevoll illustriert, so dass man ganz tief in die Schaf- und Kaninchenwelten eintauchen kann und wunderbar bereichert aus der Lektüre wieder auftaucht.
Ilaria Demonti: Einmal extra Schaf! Wissenswertes über unser liebstes Wollknäuel, Illu: Camillla Pinotnato, Ü: Christina Gauglitz, Kleine Gestalten, 2022, 76 Seiten, ab 8, 19,90 Euro
Ilaria Demonti: Nenn mich nicht Hase. Alles Wissenswerte über Kaninchen, Illu: Camillla Pinotnato, Ü: Christina Gauglitz, Kleine Gestalten, 2024, 76 Seiten, ab 8, 19,90 Euro
Ein absolut großartiges Buch befasst sich mit den größten Säugetieren auf unserem Planeten: den Walen. Rossana Bossù zeigt nicht nur die verschiedenen Walarten, sondern erklärt die evolutionäre Entwicklung dieser Riesen vom Land ins Wasser, zeigt die Unterschiede bei den Blas – dem Ausstoß von Luft durch das Atemloch –, und erläutert die Sprache von Walen und Delfinen. Hier sind so viele Besonderheiten und Neuigkeiten versammelt, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.
Der Wal ist Inspiration für Geschichtenerzählende und Teil unzähliger Mythen. Aber er wird auch von den Menschen gejagt und bis ins Kleinste verwertet. So hat man nicht nur sein Fleisch gegessen und sein Öl als Brennmittel für Lampen und Leuchttürme genutzt, sondern auch die Stäbchen der früheren Mieder aus Walbarten gefertigt.
Wal Timmy hatte in diesem Sommer die Gemüter erregt. Wer sich wirklich für Wale interessiert und sie schützen möchte, kann mit dieser Lektüre beginnen – und wird em Wunderwesen Wal dann auf ewig mit sehr viel Respekt begegnen.
Rossana Bossù: Geheimnisvolle Wale. Entdecke die Welt der Meeresgiganten, Ü: Cornelia Panzacchi, Rotfuchs, 2026, 80 Seiten, ab 9, 25 Euro
Meist denken wir nicht groß darüber nach, wenn wir zu Hause das Licht anknipsen oder wenn in den Straßen der Städten die Laternen angehen. Doch wird Lichtverschmutzung in unseren Städten zu einem immer größeren Problem.
Nicht nur, dass wir die Sterne kaum noch sehen können, sondern auch die Tiere und Pflanzen, die im Stadtraum mit uns leben, sind von der Rund-um-Dauerbeleuchtung irritiert und werden zusätzlichen Gefahren ausgesetzt. Damit beschäftigt sich das Autoren-Illustratoren-Trio. Sie erzählen von der Wirkung des künstlichen Lichts auf Sing- und Zugvögel, denn vor allem letztere werden durch das viele Licht von ihren gewohnten Routen abgelenkt – was einfach nicht gut sein kann. Aber auch Insekten, Fledermäuse und kleine Jäger wie Geckos und Kröten werden durch die Lichtverschmutzung gestört. An den Küsten mit ihren Metropolen beeinflusst das Licht sogar die Unterwasserfauna, beispielsweise die Schildkröten, die dem Mondlicht an den Strand folgen, um dort ihre Eier zu legen.
Eindrücklich macht dieses Sachbuch in kurzen Texten klar, dass uns und der Natur auch in Sachen Beleuchtung etwas Mäßigung nicht schaden könnte. Wer braucht bitte noch Leuchtreklame!
Valentina Gottardi/Maciej Michno/Danio Miserocchi: Licht. Wenn die Nacht nicht dunkel wird, Ü: Cornelia Panzacchi, Gerstenberg, 2026, 48 Seiten, ab 8, 18 Euro
Dunkel sollte es auch sein, wenn man träumen will. In dem stylisch illustrierten Sachbuch von Sara Beltrame erfährt man so einiges über den aufregendsten Teil unseres Schlafes.
Neben einer kurzen Geschichte des Traums, Aristoteles Traumdeutung und Traumbücher sowie den diversen mythologischen Traum-Göttern geht es um die richtigen Zutaten fürs Träumen: Dunkelheit, Stille, ein warmes, gemütliches Bett.
Nach einem verknappten Abriss über die verschiedenen Schlafphasen und den verschiedenen Arten von Träumen, finden sich Beispiele wie Träume berühmte Künstler und Erfinder zu ihren Meisterwerken inspiriert haben.
Eine wirkliche Erklärung, was in unserem Gehirn auf physiologischer und biochemischer Ebene abgeht, wenn wir Träumen gibt es leider nicht.
Sara Beltrame: Die Welt der Träume, Illus: Tommaso Vidus Rosin, Ü: Qontent, Whitestar Kids, 2025, 80 Seiten, ab 8, 16,95 Euro


Bei meiner aktuellen Recherche zu Literatur aus Italien sind mir dann noch die Quid+-Bücher von Barbara Franco untergekommen. Sie richten sich vor allem an die Eltern, die ihren Kindern bei der persönlichen und intellektuellen Entwicklung helfen wollen. Vor allem die Bände zu Kreativität und 50 Dinge, die du vor der Einschulung ausprobieren solltest bieten jede Menge Anregungen, wie man Kinder ab drei Jahren dazu bringen kann, sich und seine Umwelt genau zu beobachten.
Hier wird gemalt, gebastelt, gezählt, gerätselt. Franco geht dabei von dem Konzept Maria Montessoris aus, die den Kindern auf Augenhöhe begegnete und ihnen mehr zutraute, als damals – und heute manchmal auch noch – üblich war. Zudem war sie davon überzeugt, dass Denkprozesse und Bewegungen zusammenspielen sollten, weshalb hier alles von Hand gemacht wird. So lässt auch Franco die Kinder in der Küche mitarbeiten, gibt ihnen Schere und Stifte in die Hand, fordert sie auf, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen.
Bei den 50 Dingen geht es im Buch erst einmal auf dem Papier zur Sache. Doch die einzelnen Kapitel machen Laune, danach das Haus zu verlassen und tatsächlich eine Düne hinunterzurollen oder in ein Aquarium zu gehen.
Die Quid+-Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie sieben Kompetenzbereiche fördern: Emotionen und soziale Beziehungen; körperliche und praktische Fähigkeiten; kreativer Ausdruck; Sachkunde; räumliche und zeitliche Orientierung; sprachliche sowie mathematische und logische Fähigkeiten. Die Förderung dieser Grundlagen ist entscheidend für die Bewältigung des späteren Lebens und Zusammenlebens mit anderen.
In den Vorlesegeschichten zum Thema Wut versammelt die Autorin dann 14 Kurzgeschichten, die Kinder in verschiedenen Stadien von Wut zeigen. Hinter der offensichtlichen Wut können sich beispielsweise Angst, Eifersucht oder Enttäuschung verstecken. Auch drücken Kinder ihre Wut oft durch ein bestimmtes Verhalten aus – schreien, beißen oder sind aggressiv –, was andere Kinder erschreckt.
Die beispielhaften Geschichten können den Lütten in ruhigen Momenten vorgelesen werden. Quasi als Nachbereitung der durchlebten Gefühlsstürme. So kann möglicherweise eine Reflexion bei den Kindern ausgelöst werden. Für jede Geschichte sind gerade einmal fünf Minuten Zeit notwendig. Die Kinder können darin ihr Verhalten und ihre Gefühle wiedererkennen, die Erwachsenen bekommen Anregungen, wie sie mit ihren wütenden Kids verständnis- und liebevoll reden können. Zudem gibt es Tipps und Tricks, wie man das Aufflammen von Wut erkennen und wie man Kindern das Runterkommen erleichtern können (z.B. durch eine Ruheecke oder bewusstes Atmen).
Leider habe ich keine Angabe dazu gefunden, wer die Texte übersetzt hat. Eine Nachfrage beim Verlag ist bis jetzt unbeantwortet geblieben. Das sollte in Zeiten von KI allerdings nicht sein, da kommt bei mir als Übersetzerin so eine gewisse Ahnung auf, die ich allerdings nicht belegen kann … Sollte ich Antwort bekommen, werde ich das hier ergänzen.
Barbara Franco: 50 Dinge, die du vor der Einschulung ausprobieren solltest, o.Ü., Klett Lerntraining, 2026, 80 Seiten, ab 3, 8,95 Euro
Barbara Franco: Kreativität entdecken und entwickeln, o.Ü., Klett Lerntraining, 2026, 128 Seiten, ab 3, 12,95 Euro
Barbara Franco: Ich will aber! Vorlesegeschichten zum Thema Wut, o.Ü., Klett Lerntraining, 2025, 192 Seiten, ab 3, 15,95 Euro
Kinderbücher
Von der Autorin der Good Night Stories For Rebel Girls gibt es ein neues Werk. Darin vereint Francesca Cavallo zwölf märchenhafte Erzählungen, rund um zwischenmenschliche Beziehungen. In Boys! Geschichten für die neue Generation von Jungs geht es um familiäre Traditionen, die nicht angerührt werden dürfen, Piraten oder Frosch-Jungen, die weibliche Zeitgenossinnen beeindrucken oder retten wollen. Es geht um Freundschaft zwischen Ungleichen und den Mut, um Hilfe zu bitten. Alles an sich schöne Ansätze und eigentlich wichtige Ideen.
Trotzdem ich bin mit dem Buch nicht glücklich. Denn Cavallo macht in ihrem Vorwort an die Erwachsenen sofort deutlich, worum es ihr geht: Die aktuelle Jungsgeneration zu respektvollen Menschen gegenüber Frauen zu erziehen. Auch das ist an sich ganz und gar nicht verkehrt und durchaus angebracht. Aber ich bezweifle, ob die Zielgruppe – also Jungs so ab zehn Jahren – diese Geschichten überhaupt lesen werden. Sie kommen mir zu verkopft und gewollt daher. Zu offensichtlich ist, dass man Mädchen, die schlafen oder ohnmächtig sind, nicht küssen soll. Zu offensichtlich ist, dass man niemanden in Gefahr bringen soll, nur um als Held dazustehen. Und dieses Muster zieht sich durch alle Geschichten.
Dazu kommen Illus in traurigem Schwarz-Weiß. Die bunten Frösche bleiben farblos, da hilft auch die Fantasie nicht viel. Möglicherweise hätten farbige Illustrationen den Leseanreiz erhöht und neugieriger gemacht. So aber bleibt diese Geschichtensammlung für mich leider eine vertane Chance für ein wichtiges Thema.
Francesca Cavallo: Boys! Geschichten für die neue Generation von Jungs, Illus: Luis San Vicente, Ü: Knut Krüger, dtv, 2026, 192 Seiten, ab 10, 18 Euro
Eine schon etwas ältere, aber durchaus fantasievolle Geschichte ist der Erstleseroman Familie von Zitterstein und das Hotel ›Zum langen Schatten‹ von Annalisa Strada. In einem alten Schloss ist ein Grand Hotel untergebracht, das seit 72 Generationen im Familienbesitz ist. Bekannt ist es für seine hervorragende Köchin Frau Krötenbein, die den Gästen »fluffig-wurmiges Wanzen-Soufflé« und »Pocken-Pastete mit knuspriger Krätze-Karamell-Kruste«. Doch eines Tages ist die Köchin verschwunden und mit ihr die Kinder Keuch und Husten. Anscheinend steckt der Erzfeind der Familie Zitterstein, der kalte Karl Kaltenfels, dahinter. Das Schlossgespenst Orlandooo kann leider nicht weiterhelfen, dafür aber die Glaskugel der Wahrsagerin Sibylle Schattengelfüster …
Die harmlose Gruselgeschichte erinnert leicht an die Olchis (die Speisen) und an die Adamsfamily, allerdings ohne eine sich verselbständigende Hand. Übersetzerin Myriam Alfano hat sich vergnügliche Namen für die Figuren ausgedacht (Tilli Transuse), sodass der Spaß für Leseanfänger trotz des etwas dünnen Plots garantiert ist.
Annalisa Strada: Familie von Zitterstein und das Hotel ›Zum langen Schatten‹, Illus: Marilisa Cotroneo, Ü: Myriam Alfano, Ueberreuter, 2024, 64 Seiten, ab 8, 13 Euro
Wenn schon Italien in den Bilder- und Kinderbüchern kaum zu finden ist (Caffetieras mal abgesehen), so bringt dieses ernsthafte Kinderbuch die Leserschaft immerhin nach Japan.
Als Erzähler fungiert hier ein Kaki-Baum, der Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Garten in Nagasaki gepflanzt wird und heranwächst. Dabei beobachtet der Baum die Familie von Tomio, seinem Sohn Masao und dessen Kindern. Kriege trennen die Männer immer wieder von ihren Familien und der Abwurf der Atombombe im Sommer 1945 auf die Stadt zerstört beinahe auch den Baum.
Den Kaki-Baum gibt es tatsächlich und er ist mit den Jahren zu einem Symbol gegen den Krieg geworden. Seine Ableger und Samen sind mittlerweile in der ganzen Welt verteilt worden, so dass er nicht nur in Nagasaki fortlebt, sondern auch in Italien und anderen Ländern.
Dies ist keine Lektüre für zwischendurch und bedarf meines Erachtens der erwachsenen Begleitung. Im Rahmen einer Projektarbeit gegen Krieg und zum Erhalt des Friedens ist es eine wunderbare Geschichte mit einem hoffnungsmachenden Ende. Und vielleicht wächst dann irgendwann ein Ableger des japanischen Kaki-Baums in Deutschland.
Chiara Bazzoli: Da ist ein Baum in Japan, Illus: AntonGionata Ferrari, Ü: Birgit Albrecht, Verlagshaus Hernals, 2025, 80 Seiten, ab 8, 25 Euro


Angehende Krimifans kommen bei den ersten beiden Bänden der Jahreszeiten-Detektive auf ihre Kosten. Im Wald der Tanzenden Birke ermitteln Bärlock Bär und Biene Agatha – erwachsene Lesende werden bei diesen Namen natürlich sofort an berühmte Krimipersönlichkeiten denken.
Im herbstlichen Auftaktband verschwinden Dinge: der Wintervorrat des Eichhörnchens, eine Decke der Eichelhärin, eine Teekanne der Füchsin. Gemeinsam mit den Waldtieren macht sich das Ermittlungsduo auf die Suche … und wird schließlich fündig.
Im Winterband verschwindet der kleine Willi Waschbär ausgerechnet an Heiligen Abend, als sich die Tiere zum Feiern versammeln. Auch hier geht eine gemeinsame Suche durch den verschneiten Wald los.
Liebevoll und knuffig von der Autorin illustriert sind diese Cosy-Krimis für Kinder ein harmloser und gelungener Einstieg ins Krimigenre. Große Schrifttype und einfache Sätze machen das Lesen für Anfänger leicht.
Am Ende erfährt man immer ein paar Fakten zum Wald und seinen Bewohnern in den verschiedenen Jahreszeiten.
Und die nächsten zwei Jahreszeiten sind wohl schon in Arbeit …
Sara Fandrey: Die Jahreszeiten-Detektive: Wer hat den Herbst gestohlen?, Spurensuche im Schnee, Ü: Cornelia Panzacchi, dtv, 2026, je 80 Seiten, ab 8, 12 Euro
Paris, Ende der 1880er Jahre: Der ehemalige Waisenjunge Lupin schlägt sich als Dieb in der Stadt der Liebe durch, doch sein Herz schlägt für die Kleinen, die Armen, die Schwachen. Als der unheimliche Doktor Moustache in der Stadt auftaucht und immer wieder Waisenkinder verschwinden, macht sich Ich-Erzähler Lupin zusammen mit seinen Zirkus-Freunden Cyrano und Clarisse sowie dem jungen Polizisten Ganimard auf die Suche nach ihnen. Unter ihnen ist auch Lupins Freund Leon, den Moustache ein paar Jahre zuvor entführt hat.
Palazzesi verpasst dem Meisterdieb Arsène Lupin, der eine Erfindung des französischen Autors Maurice Leblanc ist, eine abenteuerliche Jugend. Erzählerisch anschaulich geht es durch Paris, von Montmartre bis zu Notre Dame und dem Eiffelturm, sodass die Metropole vor den Augen der Leserschaft lebendig wird. Viele Dialoge machen den Text unterhaltsam und kurzweilig. Die Verbrecherjagd mit den vielen Wendungen ist bestes Lesefutter. Und in Italien sind bereits zwei weitere Bände erschienen…
Marta Palazzesi: Die Abenteuer des jungen Lupin, Ü: Cornelia Panzacchi, Thienemann, 2026, 256 Seiten, ab 10, 15 Euro
Musikalisch wird es in Maddalena Vaglio Tanets Buch Das Haus der Musik. Renatas Opa zieht in ein Altersheim für ehemalige Musiker. Doch von Ruhestand kann hier keine Rede sein, denn die alten Leute machen immer noch Musik: Opa spielt Oboe, Benn Schlagzeug, Ivan Kontrabass und Mirella singt Opern.
Renata, die in dem Haus ein und ausgeht, lernt so nach und nach die verschiedenen Instrumente und Akteure in einem Orchester kennen. Sie ist hin und hergerissen, ob und welches Instrument sie lernen soll.
In kurzen Kapiteln und flankiert von knallbunten Filzstift-Illustrationen erfahren junge Leser:innen hier die Grundlagen des Musikmachens – was vor allem heißt, Spaß zu haben und mit anderen ein funktionierendes Orchester zu bilden. Am Ende liefert eine Übersicht die wichtigsten Charakteristika der Instrumente, die in der Geschichte vorkommen.
Vaglio Tanet hat sich bei ihrer Kindergeschichte an der tatsächlich existierenden Casa Verdi in Mailand orientiert, ein von Giuseppe Verdi gegründetem Heim für mittellose Musiker:innen. Und vielleicht regt diese Lektüre an, selbst zu einem Instrument zu greifen – oder zumindest mehr Musik zu hören.
Maddalena Vaglio Tanet: Das Haus der Musik, Illus: Giovanni Colaneri, Ü: Annette Kopetzki, Hatje Cantz, 2023, 64 Seiten, ab 8, 10 Euro
Eine weitere wahre Geschichte findet sich in dem Roman von Tea Ranno, Die Straßenbahn ins Leben. Und hier geht es tatsächlich mal um ein historisches Ereignis in Italien. Ranno erzählt sie die Geschichte von Emanuele di Porto, der als Zwölfjähriger die Razzia im römischen Ghetto am 16. Oktober 1943 überlebt hat.
Damals verhafteten die deutschen Besatzer 1024 jüdische Menschen, darunter Emanueles Mutter, und deportierten sie nach Auschwitz. Der Junge, der die Geschehnisse aus dem Fenster seiner Wohnung beobachtete, rannte seiner Mutter hinterher, wollte sie vom Lastwagen retten und wurde selbst auf den Wagen gezerrt. Doch in einem günstigen Moment stieß die Mutter Emanuele vom Wagen und befahl ihm, wegzulaufen. In seiner Not stieg der Junge in eine Straßenbahn – und blieb dort zweieinhalb Tage. Schaffner und Zugführer versorgten ihn mit Wasser, Nahrung und einem wärmenden Schal. Als die Straßenbahn abends ins Depot fuhr, konnte er im Wagen übernachten. Erst als ein Freund zufällig die Straßenbahn betritt, erfährt Emanuele, dass sein Vater und seine Geschwister noch in Rom sind, und kehrt nach Hause. Seine Mutter jedoch kommt nicht wieder.
Trotz der traurigen Tatsache, dass Emanueles Mutter nicht überlebt hat, verströmt Tea Ranno in ihrem Buch einen Hauch von Hoffnung. Denn Emanuele, der ihr die Geschichte persönlich erzählt hat und den ich im vergangenen Herbst kennengelernt habe, hat seinen Weg ins Leben gefunden, ohne sich dem Hass auf die Nazi hinzugeben. Er hat viele Jahre in italienischen Schulen seine Geschichte erzählt. Diese nun in einer leicht fiktionalisierten Version in Buchform zu haben, macht ihn unglaublich stolz.
Jungen deutschen Leser:innen bringt Tea Ranno damit ein Kapitel des so komplexen Holocaust wieder, den die Deutschen auch nach Italien gebracht haben. Die behutsame Art ihres Erzählens verhindert jedoch, dass die Jugendlichen geschockt aus dieser Lektüre gehen. Viel mehr besteht bei mir, als Übersetzerin, die Hoffnung, dass damit vielleicht das Interesse an diesen historischen Ereignissen geweckt wird.
Im Oktober 2026 stand das Buch auf der Deutschlandfunk-Liste der besten 7 Bücher für junge Leserinnen und Leser.
Tea Ranno: Die Straßenbahn ins Leben, Ü: Ulrike Schimming, mixtvision, 2026, 160 Seiten, ab 10, 16 Euro
Inspiriert von wahren Begebenheiten hat auch Gabriele Clima einen Roman für junge Leser:innen verfasst – der nicht in Italien spielt, sondern in Afghanistan: Räder meiner Freiheit. Das Mädchen Maryam bekommt zum sechsten Geburtstag ein gebrauchtes Fahrrad geschenkt, doch ihr Vater, ein gläubiger Mann, verbietet ihr, es zu benutzen. Maryam aber will unbedingt Rad fahren. Als sie eines Tages, sie ist fast 14, von der Frauen-Radmannschaft in Kabul erfährt, setzt sie alles daran, ins Team aufgenommen zu werden.
Ihre Eltern dürfen jedoch nichts davon wissen. Der Vater entwickelt sich immer mehr zum Taliban, verdunkelt das Haus mit schwarzen Vorhängen, zwingt seiner Frau die Burka auf, will Maryam von der Schule nehmen und zwangsverheirateten. Die Mutter steht jedoch auf Maryams Seite.
Als jedoch eines Tages ein Bild der Rad fahrenden Mädchen in der Zeitung erscheint, erfährt der Vater alles. Und Maryam verlässt letztendlich die Familie.
Clima hat für diese Geschichte mit vielen afghanischen Frauen in Italien gesprochen und so ein wohl authentisches Bild vom Leben der Frauen und ihrem Kampf um Autonomie gezeichnet. Man leidet mit Maryam und ihrer Freundin mit, ist gefesselt von ihrem Mut und ihrer Kraft, sich ein freies, unabhängiges Leben aufzubauen. Folgerichtig endet dieser Roman mit einem Hoffnungsschimmer, doch die tatsächliche Lage der Mädchen und Frauen unter der Herrschaft der Taliban ist nach wie vor schrecklich. Ein gewisses Bewusstsein dafür wird mit dieser Lektüre auf jeden Fall geschaffen.
Einzig bei Übersetzung bzw. Lektorat und Layout ist noch Luft nach oben. Eigentlich sehe ich über Tippfehler oder seltsame Formulierungen, wenn sie vereinzelt auftreten, hinweg, zumal wenn es sich um einen jungen Verlag handelt. Aber hier kommt mir der deutsche Text sehr dicht am Original vor, die verschiedenen Schreibweisen von »Burka« bzw. »Burqa« machen stutzig. Seiten mit nur einer Zeile sind layout-technisch ziemlich unglücklich, wenn nicht gar unprofessionell. Auch dass der Übersetzer nicht vorne in der Titelei genannt, sondern nur hinten im Impressum (inkl. Tippfehler) auftaucht, lässt dunkle Vermutungen über die wenig menschliche Urheberschaft des deutschen Textes aufkommen. Beweisen lässt sich das natürlich nicht. Aber es gibt schon zu denken.
Gabriele Clima: Räder meiner Freiheit, Ü: Giovanni Caselotti, Weltentdecker, 2026,155 Seiten, ab 12, 16 Euro
Natürlich sollte auch eine Pinocchio-Ausgabe in dieser Aufstellung nicht fehlen. In der Vorschau von NordSüd fand sich dann dieses Exemplar, das pünktlich zu Carlo Collodis 200. Geburtstag am 24. November noch mal aufgelegt wurde. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Neuübersetzung oder Neuausgabe, sondern um eine bereits existierende Version von 2018. Dieser liegt die erste Übersetzung von 1905, angefertigt von Paul Artur Eugen Andrae, zugrunde, die gründlich überarbeitet wurde. So wurde vor allem Andraes kuriose Namengebung »Hippeltisch« in das heute übliche »Pinocchio« geändert. Der deutsche Text wurde ansonsten vorsichtig entstaubt, behält aber dennoch seinen leicht antiquierten Charakter. Der Rückgriff auf alte, gemeinfreie Übersetzungen ist mittlerweile üblich, auch wenn mein Übersetzerin-Herz dann immer etwas blutet, aber nach mehr als 50 Übersetzungen (s. hier) ist der Text wahrscheinlich auch ausübersetzt und eine richtige Neuübersetzung wäre teuer.
Diese Halbleinenausgabe lebt von den charmanten Aquarellen des Belgiers Quentin Gréban, der seinen Pinocchio den in der Toskana allgegenwärtigen Holzfiguren angepasst hat, mit entsprechender roter Kegelmütze. Die Häuser und Dörfer erinnern mit ihren roten Ziegeldächern an die typische Architektur der Toskana, die Zypressen dazwischen verstärken dieses Flair. Liebevoll sind die Details bei den Figuren: Pinocchios Hemd ist mit kleinen Erdbeeren verziert, die Kleider der blauen Fee sind mit Blumen geschmückt. Die Schnecke trägt einen Schal. Die Schlange windet sich um ein dreieckiges Straßenschild, das vor einer kurvigen Straße warnt. Das humoristische Augenzwinkern des Illustrators ist hier deutlich zu spüren und genaues Hinsehen lohnt sich.
Auflagentechnisch haben wir es hier zwar mit einer Mogelpackung zu tun, aber zum 200. Geburtstag des Autors ist es eine schöne Geste, dieses Buch noch mal in den Vordergrund zu holen.
Carlo Collodi: Pinocchio, Ü: Paul Artur Eugen Andrae, Illus: Quentin Gréban, NordSüd, 2018, 176 Seiten, ab 5, 24 Euro
Jugendbuch
Zeno wird gemobbt. Und zwar richtig schlimm. Inklusive Video im Internet und jeder Menge Hassnachrichten auf seinem Phone. Davon erzählt Alessandro Barbaglia in seinem Chat-Roman Sorry, aber ich bleibe.
Zeno, der an einem unbenannten Ort lebt, findet zwischen all dem Hass dann aber auch eine unbekannte Stimme, die ihm nette Sachen schreibt. Das kann und will der Junge zunächst gar nicht glauben und blockiert diese Nummer. Aber die Neugierde ist doch zu groß, und so kommt er mit einer gewissen Luna in ein Chatgespräch.
Rasant ist der Austausch zwischen den beiden – der ausschließlich als Chat-Nachrichten geliefert wird –, sodass man als Leser:in immer weiter und immer schneller in die Geschichte gezogen wird. Denn es bleibt bis zum Schluss spannend, wer Luna überhaupt ist.
Mobbing und Diskriminierung werden hier in jugendaffiner Art behandelt. Die kurzen Texte lassen sich quasi wie in Echtzeit lesen – und doch entfaltet sich dahinter der Kosmos einer ganz besonderen Freundschaft, die all jenen Mut macht, die sich ausgeschlossen fühlen.
Alessandro Barbaglia: Sorry, aber ich bleibe, Ü: Susanne Just, WooW Books, 2025, 160 Seiten, ab 12, 16 Euro
Eine schon fast klassische Fantasy-Reihe bilden die beiden Bände von Valdombra von Martina Folena.
Darin gehen die Geschwister Isa und Teo nach einem verheerenden Erdbeben auf eine Reise. Sie wollen den legendären Drachen, genannt das Kryptid, finden, der für die Erdbeben verantwortlich ist. Es entspinnt sich eine Quest mit finsteren Banditen, holden Prinzessinnen, verkappten Rittern, schlauen Bibliothekaren, einem unsympathischen Oheim.
Ergänzt wird die liebevoll-humorige Geschichte von Illus in einem Stilmix aus Manga- und 1970er-Jahre-Figuren, sodass es für junge Lesende immer wieder kleine Pausen zum Schauen gibt. In der Mitte des Buches findet sich ein vierfarbiges Reisetagebuch der Ich-Erzählerin Isa.
Wer nach dem ersten Drachenabenteuer nicht genug hat, findet in der Fortsetzung dann sofort weiteres Lesefutter.
Martina Folena: Valdombra. Das Geheimnis des Drachen und Die Lichter vom Dunkelberg, Ü: Barbara Neeb und Katharina Schmidt, Coppenrath, 2025, 288 Seiten, ab 12, 18 Euro
Vielschreiber Davide Morosinotto führt seine Leserschaft in Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten nach Nürnberg ins Jahr 1829. Greta kommt mit ihrem Vater in der Stadt an, sie beziehen zwei Zimmer im Hotel Bayerischer Hof. Der Vater wurde in die Stadt gerufen, da einer Person nach dem Leben getrachtet wird: Kasper Hauser ist in Gefahr.
Und damit entwickelt sich eine spannende Detektivgeschichte, die den Kaspar-Hauser-Mythos jugendgerecht und mit einer jungen weiblichen Ermittlerin erzählt. Greta erforscht nach und nach die Geschehnisse um Kaspar. Dabei verwebt Morosinotto geschickt Fiktion und Wahrheit, zieht alte Dokumente heran, macht aber im Nachwort klar, dass das Geheimnis um diesen jungen Menschen bis heute nicht gelöst werden konnte.
Morosinotto erzählt gewohnt rasant und mitreißend. Das Nürnberg des frühen 19. Jahrhunderts ersteht bei ihm zu einer sehr plastischen Stadt, durch die Greta die Leserschaft mitnimmt. Der nicht-deutsche Blick auf das Kasper-Hauser-Thema ist erfrischend und kurzweilig – die Neugierde auf Kaspar Hausers Schicksal bleibt nach der Lektüre bestehen und verleitet zu weiteren Nachforschungen.
Davide Morosinotto: Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten, Ü: Cornelia Panzacchi, Thienemann, 2025, 272 Seiten, ab 12, 16 Euro
In seinem aktuellen Roman, Das verfluchte Gold von Hell Gate, kehrt Davide Morosinotto dann quasi zu seinen Anfängen zurück: in die USA. Dieses Mal ist es jedoch nicht der Mississippi wie in die Mississippi-Bande, sondern die Flussenge Hell Gate in New York, die die titelgebende Rolle spielt.
Fünf Freunde, die sogenannte Kakerlaken-Bande findet am Flussufer einen Toten. Das ist schon aufregend genug, doch hat dieser Mann drei seltsame Dinge bei sich: eine Streichholzschachtel mit einem Schlüssel und einer Zeichnung von einem Frachtschiff. Und schon steckt die Leserschaft in einer rasanten Schatzsuche in den 1920er Jahren. Die Protagonisten, die aus Italien, Puerto Rico, Korea und Afrika stammen, müssen sich gegen die Erwachsenen und die Mafia durchsetzen, sie erkunden New York auf eigene Faust, fahren illegalerweise selbst mit einem Automobil, »leihen« sich ein Boot aus und versuchen nachts in reißenden dunklen Gewässern ein gesunkenes Schiff zu finden.
Parallel dazu wird die Geschichte vom ehemaligen Sklavenjungen Bill Swann erzählt, der etwa 150 Jahre zuvor seinen versklavten Freund Cesar von eben jenem Schiff befreien will.
Herausragend ist hier die Ausstattung des Buches: Die Hardcover-Ausgabe steckt in einem Schuber, der wie das Äußere einer Streicholzschachtel aufgemacht ist und somit bereits auf den Inhalt verweist. Innen finden sich bei jedem Kapitel schwarz-weiße Illustrationen, die die Geschichte auf ihre Art weitererzählen und ergänzen. Man sollte sie also nicht einfach überlesen …
Das hier dargestellte New York der 1920er ist noch nicht der glitzernde Big Apple, sondern das New York der Prohibition, der Banden, der Einwanderer. Dies und die Geschichte der Sklaverei des 18. Jahrhunderts vermittelt Morosinotto in gewohnt lässiger Erzählweise und mit vielen Wendungen und Cliffhangern, sodass man den dicken Schinken so schnell nicht aus der Hand legt.
Davide Morosinotto: Das verfluchte Gold von Hell Gate, Ü: Cornelia Panzacchi, Thienemann, 2026, 512 Seiten, ab 12, 20 Euro


Ebenfalls in den USA sind die ersten beiden Teile der Love-me-love-me-Trilogie angesiedelt. Das romantisches Lesefutter von Stefania S. spielt in Kalifornien und erzählt in epischer Breite die Irrungen und Wirrungen junger Liebe.
June kommt neu an eine Elite-Highschool und lernt gleich am ersten Tag den unwiderstehlichen Badboy James Hunter kennen. Wir ahnen es: Hier werden Enemys irgendwann Lover. Doch davor müssen unzählige Wendungen, Hindernisse und Geheimnisse durchgestanden, überwunden und erkundet werden. Hier finden sich diverse Spice-Szenen, aber auch toxisches Verhalten der Hauptfiguren.
Erzählt wird multiperspektivisch in relativ kurzen Kapiteln. Ursprünglich ist diese Geschichte wohl auch auf der Schreibplattform Wattpad erschienen, einem Tummelplatz für Schreibende, die sofort Reaktionen auf ihre Texte haben möchten. Da die Plattform international zugänglich ist, werden als Location daher zumeist Orte außerhalb Italiens gewählt, mit denen sich mehr Leser:innen identifizieren können. Selbst wenn es über die Nennung der Ortsnamen und die Anglisierungen der Figurennamen meist kaum hinausgeht.
Stefania S. endet in diesen ersten beiden Bänden der Trilogie mit krassen Cliffhangern, sodass man mehr oder minder unfreiwillig zum nächsten Teil greifen muss, um es bis zum Happy End zu schaffen. Das wird vermutlich im dritten Band, der im Frühjahr 2027 auf den Markt kommen wird, erreicht werden. Die Spannung wird auf jeden Fall gehalten …
Stefania S.: love me love me. Unsere Herzen ziehen sich an / love me love me. Unsere Küsse sind magisch, Ü: Hanna Bäumker, Barbara Neeb, Katharina Schmidt, cbt, 2026, 685 und 544 Seiten, ab 14, 16 bzw. 17 Euro
Graphic Novel
In der mangaähnlichen Graphic Novel Heartbreak Hotel des Autorinnen-Duos Beltramini und Innocente geht es um fies gebrochene Herzen, Enttäuschungen, Verluste, Liebe und Tod. Das volle Paket Leben.
Vier Jugendliche finden sich im geheimnisvollen, total automatisierten Heartbreak Hotel wieder. Um diesen klaustrophobischen Ort, der überall sein könnte, verlassen zu können, müssen sie sich mit ihren gescheiterten Liebesbeziehungen auseinandersetzen.
Maya liebt Laura, aber die ist mit Finn zusammen. Laura stirbt bei einem Autounfall. Martin ist in den schönen Insta-Alex verknallt, aber der macht ihn bei einer Real-Begegnung runter. Fiona verpasst das Vortanzen, weil ihre beste Freundin Emma ihr den Freund wegschnappt.
Jugendlich-queeres Coming-of-Age ist hier in zarten Pastelltönen und einem manga-ähnlichen Stil verpackt. Die komplexe Geschichte bietet viel Raum zum Mitleiden, Mitfühlen, Identifizieren und zum Überwinden solch zutiefst menschlichen Krisen.
Micol Arianna Beltramini/Agnese Innocente: Heartbreak Hotel, Ü: Myriam Alfano, Ueberreuter, 2026, 224 Seiten, ab 13, 18 Euro









































