Die Leere füllen

lochBücher mit Löchern sind was Tolles. Das fand ich schon als Kind, als ich Die kleine Raupe Nimmersatt von Eric Carle rauf und runter gelesen habe. Vergangenes Jahr lieferte Jimi Lee ein weiteres Buch mit Loch, das mich begeistert hat, Unsere Erde. Und nun das: Das Loch von Øyvind Torseter.

Das Loch ist gar nicht groß. In der Mitte der fast quadratischen Seite klafft es. Anfangs ist das Loch in der Wand, als die Hauptfigur, ein mauseohriges Wesen, in seine neue Wohnung zieht. Es ist einfach da, man erfährt nicht, woher es kommt, warum es dort ist. Es ist. Einfach. Da.

Der neue Hausbewohner findet das natürlich nicht toll, das Loch in der Wand. Er geht ihm auf den Grund. Denn normalerweise ist ein Loch ein Schaden, etwas, das kaputt ist und nicht so sein soll. Und nun wandelt sich das Loch. Es wird zu Waschmaschinenöffnung, wandert von der Wand zum Boden, prangt plötzlich in der Tür, dann im Schrank. Der Bewohner fängt es ein, steckt es in einen Karton, bringt es in ein Labor, damit es untersucht wird, das Loch. Auf dem Weg dahin wird das Loch zum Rad, zur Ampel, zum Gulli, Luftballon, Auge, Nasenloch, Lampe, Mülleimer, Sonne, Mond …

Mit zarten Strichen lenkt Øyvind Torseter die Aufmerksamkeit auf die Leere, das Rund, den Kreis. Jede Seite bietet eine neue Überraschung, nicht wo das Loch ist, das ist immer in der Mitte der Seite, sondern was es ist. Die Leere füllt sich mit Bedeutung. Man kann die Geschichte schlicht als einen Tag im Leben einer mauseohrigen Figur lesen. Doch gleichzeitig fängt man an zu grübeln. Über Löcher an und für sich, über die Leere und das Nichts, und womit wir das füllen und ob das überhaupt notwendig ist.
Kleine Leser werden staunen und mit Entdeckersinn jede Seite erkunden, das philosophische Denken wird sich im Laufe der Zeit dann in ihr Bewusstsein schieben. Der Entdeckung der Welt um uns herum wird so auf ganz entzückende Weise Vorschub geleistet. Eine schönere Aufgabe kann ein Loch eigentlich nicht haben.

Øyvind Torseter: Das Loch, Übersetzung: Maike Dörries, Gerstenberg Verlag, 2014, 64 Seiten, ab 4, 19,95 Euro

Ein Gedanke zu „Die Leere füllen

  1. Pingback: Jo Witek | In meinem kleinen Herzen | letteraturen

Kommentar verfassen