Superschützenswerte Superkraft

In Märchen gibt es Könige. Und England hat auch einen. Und früher gab es Könige auch in echt (und manchmal auch Königinnen, aber nicht hierzulande). Warum haben wir keinen König? Mit dieser aus Kindersicht und den ihnen vertrauten Geschichten naheliegenden Frage beginnt die Politologin Jonna Struwe ihr hervorragendes Sachbuch.
Kinderfragen zur Demokratie verständlich erklärt, lautet der Untertitel. Berechtigte Fragen, weil doch anscheinend mit Königen oder auch englisch Queens Gutes assoziiert wird. Das zeigt die Illustratorin Ina Hattenhauer gleich zu Beginn, wo ein Vater mit Töchterchen in Prinzessinaufmachung einen Einkaufswagen vorbeischiebt. Plakate und Schilder werben mit royalen Vorworten: Ein Fußballwettbewerb wird als Königsklasse gepriesen, ein Bier macht einen zum König für einen Tag, Blumen tragen Kaiserkronen, und ein Kaninchen mit schicken Einkaufstüten namens Hopping Queen ist eine niedliche Anspielung auf ein beliebtes TV-Format.

Monarchie ist ungerecht

So gibt Ina Hattenhauer dem vermeintlich drögen Thema gleich eine witzige und doppelbödige Note, so dass man umso neugieriger in Jonna Struwes klugen Sachtext einsteigt. Denn Demokratie ist wirklich für alle interessant und wichtig. Weil Demokratie von allen für alle ist. Dass Könige und sogenannte Monarchien kein märchenhafter Spaß sind, erklärt Struwe gleich zu Anfang: Ein alleiniger Bestimmer ist ungerecht und grausam.

Vor 2500 Jahren erdacht

»Das haben sich auch schon die Menschen im Alten Griechenland vor 2500 Jahren gedacht und überlegt: Was wäre, wenn niemand ein Leben lang Chef ist? Was wäre, wenn alle mitentscheiden könnten? Wenn sich alle Menschen im Land, also das Volk, die Macht teilen würden? Das griechische Wort für Volk ist demos und das für Macht kratos. Das wäre eine Demo-kratie. Das Volk bestimmt. Nicht einer allein, sondern alle zusammen.«

Reden und Regeln

Und wie das geht und wie das heute in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert, erklären und zeigen Struwe und Hattenhauer anschaulich und mitreißend auf den folgenden 60 Seiten. Gleich zu Anfang bringen sie die kindlichen Leserinnen und Leser mit ins Spiel: Wie können alle Bestimmer sein? lautet eine frühe Kapitelüberschrift. Oder was ein vom Taschengeld gekauftes Eis damit zu tun hat. Ein tolles stilistisches Mittel zur Wissenvermittlung ist auch, Begriffe und Bezeichnungen aufzudröseln und zu übersetzen. Wie Demokratie aus Volk und Macht aus dem Altgriechischen. Oder Parlament vom Französischem parler, also ein Ort, an dem vor allem viel miteinander geredet wird. Zum Beispiel über neue Gesetze. Gut ist es auch Gesetze, als gemeinsam erarbeitete Regeln für das Zusammenleben aller Menschen zu definieren.

Koala-Koalition

Dass ein Wahllokal kein Restaurant für große Meeressäuger ist. Warum bestimmte Farben mit Parteien assoziiert sind. Oder was es mit der Vorsilbe Bund auf sich hat. Man kennt ein Bund Radieschen oder einen Bund Möhren. Aber einen Bund Länder? Eine Bundeskanzlerin? Einen Bundestag? Einen Bundesrat? Im Zusammenspiel von Text und Illustration entstehen schöne Wort-Bild-Spiele: Zum Beispiel eine Koalition. Und, total niedlich, eine Koala-Koalition. Und ein Fahrrad für 16 Leute ist vielleicht ein Bundesrad, aber kein Rat.

Die Giraffe weiß mehr

Eine sehr lustige und raffinierte weitere Ebene der Wissensvermittlung sind die eingestreuten Zusatzinformationen, historische Herleitungen und kuriose Fakten. Warum die von einer Giraffe präsentiert werden, wird später auch illustriert. Und wie das große, weil langhalsige Tier mit dem nun Folgendem direkt zusammenhängt.

Das Super-Gesetz

Grundlage für all unsere Demokratie ist hierzulande das Grundgesetz, das im Buch sogenannte Super-Gesetz. Das eigentlich sehr gut geschützt ist, unter anderem durch Super-Mehrheiten, die es braucht, um einzelne Gesetze zu ändern. Zwei Gesetze aus diesem vor gut 80 Jahren von 61 Männern und nur vier (!) Frauen erarbeiteten Grundgesetz dürfen sogar von keiner Macht der Welt verändert oder ausgehebelt werden. Wie das mit der Gewaltenteilung in Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler, Bundestag, Bundesrat, Bundespräsident (eine Bundespräsidentin gab’s hierzulande tatsächlich noch nie, aber wer weiß, vielleicht ab 2027?) und dem Bundesverfassungsgericht zusammenhängt, erläutert Struwe exzellent und erstaunlich kurzweilig.

Besser kann man es nicht erklären

Als durchschnittliche, erwachsene Bundesbürgerin kann man das nicht so prägnant, pointiert und und unterhaltsam erklären. Und ehrlich gesagt, als einfache Wählerin wusste man das bisher auch nicht so genau, hat eher eine vage Ahnung, wie alles zusammenhängt. Auch die Erläuterung einzelner Begriffe hat einen großen Mehrwert. Und doch zuckt man zum Ende des Buches kurz zusammen.

Kurzer Blick in die Historie, mit Blick auf die Zukunft

Wenn der Grund für das Grundgesetz und die Demokratie als Staatsform historisch begründet wird: Mit einem kurzen Abriss über Diktaturen im allgemeinen und der der Nazis im speziellen. Dabei fehlt, dass Hitler nicht aus dem Nichts an die Macht kam. Sondern eine bereits bestehende Demokratie ausgehebelt hat. Das wäre natürlich zu kompliziert zu erklären. Dass eine Demokratie aber auch immer gefährdet ist, angegriffen wird und unbedingt verteidigt werden muss, wird dann kurz vor Schluss im wichtigen Kapitel Kann Deutschland wieder eine Alleinherrschaft werden? vor Augen geführt.

Unbedingt verteidigen

Das Buch endet mit dem Appell an alle, explizit auch an (noch nicht wahlberechtigte) Kinder, sich einzubringen, zum Beispiel über Petitionen, Demonstrationen oder die Kinderkommission. Warum die Demokratie unbedingt schützenswert ist und verteidigt werden muss, gerade in Zeiten wie diesen, zeigt dieses Sachbuch eindringlich und unmissverständlich allen, Kindern und Erwachsenen.

Jonna Struwe: Warum haben wir keinen König? Kinderfragen zur Demokratie verständlich erklärt, Illustration: Ina Hattenhauer, dtv, 2026, 64 Seiten, 16 Euro, ab 6