Ein Hauch Freiheit

Kann man etwas vermissen, das man gar nicht kennt? Man kann. Da ist ein blinder Fleck auf der Landkarte meiner Identität, den ich nicht mehr aushalte.« Aus diesem schon länger in ihr schwelendem Gefühl bittet Roya Soraya 2019 ihren Vater, mit ihr in sein Herkunftsland, den Iran, zu reisen. Aufgewachsen ist Soraya in Deutschland, als Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters. Sie spricht kein Persisch und versteht die Sprache kaum. Sie mag die ausgiebigen Essen bei der iranischen Verwandtschaft, als Kind kuschelt sie mit der Großmutter auf dem Sofa und guckt gemeinsam deutsche Vorabendserien. Doch sie hätte gern mehr über diesen Teil ihrer Familie erfahren und damit auch mehr über sich.

Reisetagebuch, Familiengeschichte und politischer Essay

Das wird sie auf der gemeinsamen Reise. Allerdings anders als gedacht. Und doch: »Ich habe das Gefühl, als sei etwas in mir zur Ruhe gekommen«, schreibt sie. Jetzt ist ihr autobiografischer Comic Wind in meinem Kopftuch erschienen. Und der ist ganz viel: spannendes Reisetagebuch und bewegende Familiengeschichte, politischer Essay und liebevolle Erinnerung an ihren Vater, der ein Jahr nach der Iranreise an einem Herzinfarkt gestorben ist.

Filmisch erzählt

Roya Soraya erzählt einerseits in kraftvollen Bildern, offenherzig, frisch, mit leisem Humor und leichter Wehmut. Dabei verzichtet sie fast vollständig auf klassische Panels. Ihre Erzählweise ist eher filmisch, mit Totalen von herb-schönen Landschaften oder wuseligen und dichten Stadtpanoramen. Sie zeigt viele intensive, mal beklemmende, mal lustige, immer sehr lebendige Szenen und Begegnungen, bei der Passkontrolle, auf den Straßen, im Nachtzug, im Bazar oder Restaurant. Vor nachtschwarzem Hintergrund visualisiert die Illustratorin gruselige Albträume und traumhafte Wiederbegegnungen mit dem verstorbenen Vater. In einer fantastischen Tanzsequenz bewegt Soraya sich im Pas de deux mit Bildern ihres Vaters über mehrere beschwingte Seiten. Wichtige Erinnerungsstücke, Souveniers, Kleidungsstücke oder Details bekommen genug Raum, um ihre Bedeutung für die Geschichte und ihre Protagonisten herauszustellen.

Dialoge, denen man gern zuhört

Roya Soraya ist eine Comic-Autorin, eine sprachgewandte und viruose Erzählerin. Der Plot ist klug konstruiert. Raffiniert, doch gut nachvollziehbar springt die Autorin zwischen verschiedenen Zeitebenen und verknüpft assoziativ Reiseerinnerungen und Momente der Trauer, politische Ereignisse und private Erlebnisse. Die Dialoge sind authentisch und mitreißend, man hört Tochter und Vater gern und mit großem Interesse zu. Hier klingt viel von der liebevollen Beziehung der beiden zueinander an. Aber auch von ihrer jeweiligen Zerrissenheit gegenüber dem mittlerweile (Vater) oder bleibend unbegreiflichen, auch verstörendem Land. Was für eine brillante Erzählerin Roya Soraya ist, zeigt sich, wenn ein junger Mann, kein geübter Leser und bestimmt kein Fan von Graphic Novels, auch am Iran und einer Tochter-Vater-Beziehung kaum interessiert, Wind in meinem Kopftuch fasziniert in einem Schwung durchliest.

Wunderbar vielsagendes Titelbild

Don’t judge a book by looking at it’s cover – man soll ein Buch nicht nach dem Titelbild beurteilen, eigentlich. Bei Graphic Novels relativiert sich diese Empfehlung schon etwas, weil das Cover unter anderem schon den Stil des Comics andeutet. Bei Wind in meinem Kopftuch würde man sich um das erste Vergnügen bringen, wenn man den Einband vernachlässigt. Roya Soraya hat hier bereits ein wunderbar vielsagendes Kunstwerk geschaffen: Mehrere dunkel verschleierte Köpfe von schräg oben, dazwischen sieht man das ernste, leicht verunsicherte, aber auch neugierig, offen und erwartungsvoll nach oben blickende Gesicht einer jungen Frau. Um ihren Kopf flattert ein lilanes Kopftuch. Umgeben ist sie von starr und unbeteiligt blickenden Frauen unterschiedlichen Alters, nur eine jüngere beobachtet sie kritisch, auch etwas neidisch, aus den Augenwinkeln.

Einiges durcheinandergewirbelt

Dazu der Titel Wind in meinem Kopftuch. Hier schwingt soviel mit, allein schon dass ein Kopftuch nie nur ein Stück Stoff ist. Der ursprüngliche Projektname war profan Iran Buch oder auch Iran Reisebuch, wie Roya Soraya erzählt. Drei Jahre nach ihrer Reise, während ihre Graphic Novel entsteht, erkennt Roya Soraya angesichts der Bilder von der kurzen feministischen Revolution im Iran, als sich im Rahmen der Frau-Leben-Freiheit-Proteste Frauen das Kopftuch herunterrissen, es öffentlich verbrannten und die Haare abschnitten: »Das Kopftuch war nur die Spitze eines Eisbergs aus Gewalt, Korruption und Tyrannei.« Ihre Erfahrungen im Iran haben tatsächlich einiges durcheinandergewirbelt im Kopf, im Leben und im Selbstverständnis der jungen Frau, Autorin und Künstlerin.
Und ihr berührendes Buch in den Köpfen und in den Herzen ihrer Leserinnen und Leser.

Roya Soraya: Wind in meinem Kopftuch, Carlsen, 2026, 192 Seiten, 25 Euro, ab 12 Jahre