Teufelstanz

ballettDass Ballett alles andere als romantisch sein kann, ist spätestens seit dem Psycho-Thriller Black Swan, der vor zwei Jahren Tanzanhänger in die Kinos zog, wohl bekannt. Dass es in der Realität fast noch härter in der Szene zugeht, hat in diesem Frühjahr das Säure-Attentat auf den Ballett-Direktor des Moskauer Bolschoi-Theaters, Sergej Filin, bewiesen. Der Roman Dance of Shadows von Yelena Black reiht sich nun in die Düsternis der Tanzszene ein.

Die 15-jährige Vanessa kommt auf die New Yorker Ballettakademie. Sie ist eine begnadete Tänzerin, die neben dem Tanzen jedoch noch einen anderen dringlichen Wunsch hat: Sie will ihre verschwundene Schwester Margaret wiederfinden. Auch sie war auf der berühmten Akademie am Lincoln-Center, ist jedoch drei Jahre zuvor kurz vor der Aufführung des Feuervogels spurlos verschwunden. Niemand weiß, was aus ihr geworden ist, ob sie noch lebt, einfach untergetaucht ist oder doch einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Vanessa hofft, am Ort des Verschwindens etwas über ihre Schwester herauszufinden.

Sie fügt sich rasch in die Klasse der Anfänger ein, freundet sich mit Steffie, Elly, TJ und Blaine an. Der Choreograf Josef und seine unscheinbare Assistentin Hilda drillen die Jugendlichen gnadenlos, gilt es doch einen Teil der Besetzung für die Weihnachtsaufführung von Strawinskys Feuervogel neu festzulegen. Der Oberstufenschüler Zep steht bereits für die Hauptrolle des Iwan fest – und Vanessa verliebt sich quasi stante pede in den gut aussehenden und talentierten Tänzer. Zep umschmeichelt das Mädchen, bleibt aber trotzdem distanziert und geheimnisvoll. Vanessa tanzt, sie tanzt besser als ihre Kameraden und wird für die Hauptrolle im Feuervogel besetzt – wie Margaret.
Gleichzeitig macht sich Justin, die Zweitbesetzung des Iwan, an Vanessa heran. Er versucht, sie vor seltsamen Vorgängen in der Akademie und der Hauptrolle zu warnen. Zuerst denkt sich Vanessa nichts dabei, bis eines Tages Elly nach einer misslungenen Probe und einer Strafpredigt von Josef verschwindet. Sie hat keine Nachricht hinterlassen, auf dem Handy ist sie nicht zu erreichen. Vanessa und ihre Freunde fangen an, Nachforschungen anzustellen. Sie durchsuchen die Akten in Josefs Arbeitszimmer und stellen fest, dass in den vergangenen Jahren noch mehr Mädchen verschwunden sind – alle waren für den Feuervogel besetzt.
Die Zustände in der Akademie werden immer mysteriöser. In einem Probenraum sind weiße Umrisse an einer rußgeschwärzten Wand zu sehen. Und als Vanessa, die immer perfekter ihre Rolle als Feuervogel beherrscht, dort tanzt, erwachen die Figuren zum Leben und bedrängen sie. Vanessa ist mit den Nerven am Ende, da sie nicht weiß, ob sie langsam den Verstand verliert oder sie wirklich diese Figuren wieder zum Leben erweckt hat, die sich als die verschwundenen Mädchen herausstellen.
Nach und nach decken Vanessa, Steffi und TJ auf, dass Josef Böses im Sinn hat und für das Verschwinden der Mädchen verantwortlich ist.

Den Ausgang dieser Geschichte werde ich hier nicht spoilern, denn die Stärke dieses Buches ist, dass man es vor lauter Spannung, Grusel und Thrill nicht mehr aus den Fingern legt. Lange Zeit weiß man nicht, ob es sich um einen realistischen Thriller handelt oder doch um Mystery. Yelena Black verpasst dem Ballett eine dunkle, gefährliche Seite. Perfekt getanzte Schritte können bei ihr Mächtiges bewirken. Was das im Endeffekt ist, muss jeder Leser selbst herausfinden.
Auf jeden Fall ist Dance of Shadows überaus gelungene Unterhaltung und Kurzweil, leicht und flockig übersetzt von Edigna Hackelsberger und Larissa Rabe. New York ist eine großartig-flirrende Kulisse. Die Parallelen zur Geschichte von Strawinskys Feuervogel sind unübersehbar. Zwischen Vanessa, Zep und Justin entwickelt sich eine knisternde erotische Spannung. Die genaue Beschreibung der Tanzrituale (Schläppchen kneten, Satinbänder knoten) und der Tanzszenen lässt jede Ballettanhängerin schwelgen. Und das Ende lässt am Horizont bereits die Fortsetzung aufblitzen. Das kitschige Cover, das mich fast vom Lesen abgehalten hätte, ist dann längst vergessen.

Yelena Black: Dance of Shadows. Tanz der Dämonen, Übersetzung: Edigna Hackelsberger und Larissa Rabe, bloomoon, 2013, 384 Seiten, ab 14, 17,99 Euro

Share on Facebook0Share on Google+0Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn0Pin on Pinterest0Share on Tumblr0

Kommentar verfassen