Die Welteinrichter

allerleirauhGibt man bei Amazon den Begriff „Kinderreime“ ein, erhält man momentan über 1700 Treffer. Meist ist dieser Begriff im Titel der Bücher mit einem Adjektiv kombiniert: die ersten, schönsten, liebsten Kinderreime. Poesie für Kinder muss scheinbar immer noch mit Superlativen an die vorlesenden Eltern gebracht werden.

Dabei gibt es seit über fünfzig Jahren eine umfassende Sammlung von Abzählreimen, Ringelreihen und Schabernack, die ohne Übertreibung auskommt und schlicht Allerleirauh heißt.

Wie der Pelzmantel aus dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm „tausenderlei Rauhwerk“ vereint, hat Hans Magnus Enzensberger hier 777 Kinderreime versammelt und sich dabei aus 77 Quelltexten bedient. Die Reime kommen dabei nicht nur weich und kuschelig daher, sondern sind durchaus auch rau, widerborstig und gehen gegen den Strich der häuslichen Harmonie.

In den Reimen wird gehungert, gestorben, gelogen und Schabernack getrieben. Kinder und Tiere suhlen sich im Dreck, Väter drohen Schläge an, Nonnen betrinken sich, man spricht Kauderwelsch oder in Rätseln. Manchmal ist das harter Tobak und gleichzeitig poetisches Manna. Als erwachsener Leser begibt man sich unwillkürlich auf die Suche nach alten Bekannten und findet meist Varianten.

Doch genau das ist ganz in Enzensbergers Sinne – die Freiheit des Gebrauchs der ursprünglich zu meist mündlich übermittelten Reime. Jeder kann sie umdichten, weiterentwickeln, anpassen, denn „ein guter Reim ist immer zu brauchen“. Und gut ist nach Enzensberger, „was dem Kind Welt als Sprache zuträgt und kenntlich macht: jede Silbe eine Überraschung, ein winziges Wunder“ (S. 359). Verzichtet hat er dabei auf so genanntes Schmuggelgut, also auf die moralinsauren Kinderlieder, „das Falschgeld der Gefühle“ (S. 358), die die Kinder zu braven angepassten Marionetten erziehen wollen.

Und so ist diese Versammlung, die nun in gebundener Form als Neuauflage zu haben ist, immer noch eine Wundertüte voll anarchischem Humor, (Wieder)Entdeckungen, Reisen in Vergangenheit und Phantasie. Man staunt, lacht, singt und freut sich an den Welten, die sich auf wenigen Zeilen eröffnen.

Fehlten meinem kleinen, manchmal noch literaturwissenschaftlich tickenden Herzen anfangs die genauen bibliografischen Angaben zu den einzelnen Texten, so unwichtiger wurde das Wissen um Herkunft und Entstehungszeit, je weiter ich in die Verse eintauchte. Die Reime entfalten einen Zauber, der einem im Hier und Jetzt das Herz aufgehen lässt. Alles andere ist unwichtig.

Allerleirauh. Viele schöne Kinderreime versammelt von Hans Magnus Enzensberger, 380 Seiten mit 391 alten Holzschnitten, Insel Verlag, 2012, 24,95 Euro

Purzelchen und Appetitis

gutenachtgeschichten am telefonHeute erreichte mich das erste Exemplar eines ganz entzückendes Buchs: Gutenachtgeschichten am Telefon. Dass ich mich bannig über dieses Buch freue, liegt an daran, dass ich im vergangenen Jahr die Favole al telefono von Gianni Rodari neu übersetzt habe. Und die Frucht dieser Arbeit liegt nun endlich vor mir.

Ausnahmsweise muss ich hier in eigener Sache schreiben und die Gelegenheit nutzen, mich zu bedanken. Die Arbeit an der Übersetzung hat richtig viel Spaß gemacht und war zugleich eine anspruchsvolle Herausforderung. Die Leichtigkeit von Rodaris Sprache, der charmante Humor, der Wortwitz, die italienischen Besonderheiten waren nicht immer leicht zu übertragen. Anfangs war ich sogar felsenfest davon überzeugt, dass zwei Geschichten nicht zu übersetzen sind. Zu speziell erschienen mir die Geschichten „Il paese con l’esse davanti“ und „Processo al nipote“. Vor allem letztere zeichnet sich durch ein Wortspiel aus, in dem ein vergessenes Apostroph die Bedeutung eines Wortes (l’ozio/der Müßiggang) in eine völlig andere verschiebt (lo zio/der Onkel). Was also tun, wenn das betreffende Sprichwort auf Deutsch lautet „Müßiggang ist aller Laster Anfang“? Wie soll man da einen Onkel unterbringen?

Wochenlang war ich ziemlich ratlos. Und habe schön um diese Geschichte herumübersetzt. Doch zum Glück war ich als Übersetzerin nicht allein und hatte zwei aufschlussreiche Begegnungen mit Kollegen, die ebenfalls aus dem Italienischen übersetzen.

Im Sommer 2011 durfte ich an der Übersetzer-Werkstatt ViceVersa in Settignano bei Florenz teilnehmen. Dort stellten zwölf italienisch-deutsch Übersetzer ihre aktuellen Texte vor. Stundenlang diskutierten wir über Wortbedeutungen, Intentionen von Autoren, Syntaxmonster, Reime und Poesie. Es war manchmal anstrengend, aber hauptsächlich anregend. Unglaublich anregend.

Fortgesetzt habe ich die Diskussion ein paar Wochen später in Berlin beim italienischen Übersetzertreffen. Und auch hier wurde wieder kein Blatt vor den Mund genommen, alles wurde auseinandergenommen, angeschaut, gewendet, gedreht, gelobt, geknickt, geklärt … und so hielten Alte Sprichwörter, Purzelchen und Appetits Einzug in die Texte.

Angeregt durch diese intensiven Arbeitsrunden konnten meine Hirnwindungen dann das Denken und Rumprobieren nicht mehr lassen, bis auch die Lösungen für die beiden scheinbar unübersetzbaren Geschichten plötzlich da waren. Und so finden sich jetzt in diesem Buch auch „Im Lande Frei“ und „Der Neffe vor Gericht“ …

Den Organisatoren von ViceVersa, den Kollegen, die in der Villa Morghen mitdiskutiert haben, und den Berliner Italienischübersetzern gilt mein allerherzlichster Dank!!

In dieser Ausgabe liegen nun also alle 70 Geschichten von Rodaris Favole al telefono in einer einheitlichen Übersetzung vor. Geadelt werden die fünfzig Jahre alte Geschichten durch die luftig-leichten, märchenhaft-schönen Illustrationen von Anke Kuhl. Sie machen dieses Buch zu einem Gesamtkunstwerk – wie ich finde.

Gianni Rodari: Gutenachtgeschichten am Telefon, Übersetzung: Ulrike Schimming, Illustration: Anke Kuhl, S. Fischer Verlag, 2012, 207 Seiten,  14,99 Euro

Schätze und Vampire

Roald DahlManchmal bescheren einem die Verlagsankündi-gungen unerwartete Reisen in die eigene Kindheit. Ein solch vergnüglicher Rückblick wurde mir jetzt mit dem Hinweis auf das 40-jährige Jubiläum der roro-Rotfuchs-Reihe aus dem Rowohlt Verlag zuteil.

Plötzlich sah ich sie wieder vor mir, die weißen Taschenbücher mit den Fotos auf der Vorderseite und dem dreiteiligen Comic-Strip mit dem Rotfuchs auf der Rückseite. Diese Bücher mit ihren packend realistischen Geschichten waren feste Begleiter meiner frühen Jugendzeit. Sie stillten meinen Lesehunger, und in der rückblickenden Mystifizierung könnte ich jetzt behaupten, die Comic-Strips haben meine Liebe für Graphic Novels geweckt …

Rowohlt hat jetzt im Rahmen ihres Jubiläums zwei meiner Kindheits- und Jugendbegleiter in neuem Kleid herausgebracht. In Die große Roald Dahl Schatzkiste findet man die Perlen des Walisers mit dem fiesen schwarzen Humor. Ich kannte von Ronald Dahl vor allem seine skurrilen Küsschen-Küsschen-Geschichten und habe jetzt mit Wonne die Storys von der leseverrückten Matilda, Willy Wonka, Mr. Fox oder vom schüchternen Herrn Hüpfenstich verschlungen.

Ergänzt werden die fantastischen Geschichten durch Ausschnitte von Dahls autobiografischem Text Boy sowie mit rotzfrechen Rezepten des Autors, die aus der Lektüre ein umfassend sinnliches Erlebnis machen, wenn man sofort in die Küche eilt und Karamellmilch und Theo-Torfkopp-Schokotorte zubereitet.

Diese wunderbare Melange ist so überaus liebevoll wie schräg von dem großartigen Quentin Blake illustriert, dass kleine Zuhörer beim Vorlesen jede Menge zu schauen und zu  entdecken haben. Dieses Buch ist ein wahrer Schatz, nicht nur eine Schatzkiste.

der kleine VampirDas zweite Rotfuchs-Déjà-vu ist Der kleine Vampir von Angela Sommer-Bodenburg. In einer erweiterten Neuausgabe sucht Rüdiger von Schlotterstein neu ummantelt mit blutigen Illustrationen von Amelie Glienke den Jungen Anton heim.

Bei allem Vampir-Hype der vergangenen Jahre ist es richtig erholsam, mal wieder einen klassischen Blutsauger im schwarzen Umhang und mit einer Familiengruft als Zuhause zu erleben. Böse Tanten, Vampir-ärgere-dich-nicht, Blutvergiftung beim Vampir und ewig pubertierende Jung-Vampire ergeben noch immer eine charmante Mischung aus Grusel und Grinsen. Fast wünscht man sich, Anton möge sich gegen die Avancen von Anna, Rüdigers Vampir-Schwester, nicht so sträuben. Doch selbst wenn Rüdiger jetzt schon 33 Jahre durch die Buchregale und Kinderzimmer flattert, hat er nichts an Frische und Biss verloren. Und wer dann doch noch eine „richtige“ Vampirliebesgeschichte braucht, der findet mittlerweile ja schön bissige Romane dieser Art im Buchhandel …

Roald Dahl: Die große Roald Dahl Schatzkiste, Übersetzung: Inge M. Artl/Dorothee Asendorf/Roswitha Fröhlich u.a., Illustrationen: Quentin Blake, Rowohlt, 2011, 349 Seiten, ab 6, 19,99 Euro

Angela Sommer-Bodenburg: Der kleine Vampir, Illustrationen: Amelie Glienke, Rowohlt, 2011, 159 Seiten, ab 6, 10,00 Euro