Es ist kompliziert

Valentinstag. Das ist der Tag, an dem in Restaurants nur Tische für zwei reserviert sind. Wenn schon Wochen vorher rosa glasiertes Gebäck in Herzform angeboten wird, sogar Pasta, mit Rote Bete gefärbt. Wenn selbst Floristen mit Stil geschmacklose Bouquets an Menschen verkaufen, die nur einmal im Jahr Blumen verschenken. Überhaupt Blumen im Februar, geht’s noch weniger umweltbewusst?
Was Valentinstag nicht ist: Es ist kein Tag für all jene, die unerwidert lieben. Zumindest vordergründig nicht, nicht nur Charlie Brown und seine Sehnsucht nach dem rothaarigen Mädchen wissen ein Lied davon zu singen.

Buch zum Valentinstag

Auch die österreichische Philosophin Miriam Metze kennt sich damit aus. Jetzt hat sie ein Buch über dieses Gefühl geschrieben, das an diesem Valentinstag erscheint. Unerwidert lieben ist bewusst keine allgemeine Philosophie der Liebe. Es geht der Frage nach, was unerwidert zu lieben mit Liebe zu tun hat. Warum man unerwidert liebt. Und wie man damit leben und sich arrangieren kann.

Schulklosprüche und Brotkörbe

Miriam Metze ist fündig geworden. Von der Antike übers Mittelalter bis in die Gegenwart haben viele kluge Menschen, Philosophinnen, Wissenschaftler, Geistliche, Mystiker, Dichterinnen, Dramatiker und Schriftstellerinnen nachgedacht über den Sinn oder auch Unsinn der Liebe. Wobei es in Metzes Buch fast ausschließlich um die Liebe von Paaren geht.
In zwölf Kapiteln mit durchweg seht lustigen und neugierig machenden Überschriften beleuchtet Metze verschiedene Teilaspekte, etwa den wahren Kern von Schulklosprüchen, warum man blöd sein muss, ob Liebe immer ein Abenteuer ist, welche Rolle die Ewigkeit dabei spielt und wie ein Brotkorb das materialisierte Menetekel einer kaputten Liebe sein kann.

Blitz-Metaphern und Altherrenkitsch

Anfangs heideggert es in Metzes Buch ein bisschen zu sehr. Die Affäre mit seiner Studentin verklärt der verheiratete Philosophieprofessor Martin Heidegger mit Blitz-Metaphern, die er gleich dreifach strapaziert. Plötzlich und schlagartig, gefährlich und schmerzhaft soll sie sein, die einzigartige Liebe. Abgesehen davon, dass Heidegger später erneut über Blitze schwadroniert hat, bei seinen Schwärmereien über Krieg, was ihn als Experten noch fragwürdiger erscheinen lässt, hat Miriam Metze den Nazi-nahen Haudegen wohl gebraucht, um zu eben jener ehemaligen Studentin zu kommen: Hannah Arendt. Die selbst eine Philosophin, vor allem eine geniale und unbestechliche, politische Denkerin war. Über die Liebe hat Arendt einige erstaunlich erhellende und wohl überlegte Gedanken festgehalten. Und über den Kitsch ihres früheren Dozenten hat sie sich mit genügend Abstand und Erfahrung auch gut lustig gemacht.

Begreifen, dass es unbegreiflich ist

Von Arendt, die in ihrem späteren Leben glückliche und gegenseitige Liebe erfahren hat, kommt unter anderem Tröstliches: Einzig und allein die unerwidert Liebenden wären imstande, wirklich zu begreifen, dass die Liebe unbegreiflich ist. Und weil sich unerwidert Liebende mit nichts anderem beschäftigen als mit der Liebe (anstatt mit ihrem/r Partner/Partnerin und den aus dieser Partnerschaft entsprungenen Kindern), machen sie auch eine tiefere Erfahrung mit ihr. Ob sie das wirklich möchten, steht auf einem anderen Blatt. Erwiderte, gelebte und viel beschäftigende Liebe ist wahrscheinlich gedankenloser, aber auch schmerzfreier.

Philosophin und Kurtisane

Eine beeindruckend souveräne und moderne Sicht auf die Liebe, die geistige wie die körperliche, hat Tullia d’Aragona, eine italienische Philosophin der Renaissance. Tatsächlich war sie auch Kurtisane. In ihrem Dialogo della infinità d’amore beschreibt sie das Wesen der Liebe genauso – als unendlich. Wobei ihr das Italienische dabei entgegenkommt, weil fine nicht nur Ende, sondern auch Zweck und Ziel bedeutet. Die Liebe ist also nicht nur unendlich, kennt auch keine Grenzen, Einschränkungen oder Absicht. Das macht die unerwiderte Liebe gleichberechtigt mit allen anderen Formen.

Inbegriff der gegenseitig unerwiderten Liebe

Solche zeitlos schöne (Wieder-)Entdeckungen machen mit den Reiz von Metzes Buch aus. Natürlich darf auch das Paar, der Inbegriff unerwidert Liebender nicht fehlen, allein schon weil es beweist, dass man sich tatsächlich gegenseitig unerwidert lieben kann: Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Zumindest hat dieses unglaublich tragische und auch bescheuerte Missverständnis der Welt literarische Meilensteine und einen epischen Briefwechsel beschert.
Wie die Dichterin Bachmann mit gefeilten Worten ihre Liebe seziert, so analysiert auch die Philosophin Metze wiederholt vermeintlich alltägliche Begriffe, sei es die Ent-Täuschung, die das Ende der Täuschung und damit Aufklärung und Wahrheit bedeutet. Oder dass man etwas er-innert, also etwas abruft, was man in seinem Innern bewahrt hat. Auch im Hebräischen findet Metze viele anschauliche und bildmalerische Begriffe und Redewendungen. Und aus dem Österreichischen erfreuen noch »mieselsüchtige Naturen« und »Grausbirnen«.

Charmante, kluge und gut aussehende Begleitung

Gelegentlich verzettelt die aus dem Wienerwald stammende Philosophin sich nach manch schmissiger Überschrift ein wenig und verläuft sich zwischen verschiedenen Gedankensträngen und Stichwortgebern. Trotzdem ist Unerwidert lieben ein Lesegenuss, ideale Wellness für Kopf, Seele und Herz.
Also, am besten jetzt gleich am Valentinstag einen Tisch für eine/einen reservieren und das Buch als Begleitung mitnehmen. Weil es amüsant, faszinierend, vielstimmig und charmant ist. Und nicht zuletzt auch sehr gut aussieht, in seinem edlen brombeer-, aubergine- und fuchsiafarbenen Leineneinband (50 Shades of Rose), mit zart altrosa Vorsatzpapier, sogar ein Strauß Blumen ist drauf. Man muss dieses Buch einfach lieben. Ob erwidert oder nicht.

Miriam Metze: Unerwidert lieben. Eine philosophische Tröstung, mairisch Verlag, 2026, 256 Seiten, 24 Euro, ab 16