Wie wäre es, könnten wir durch die Zeit zurück in die Vergangenheit reisen? Vielleicht haben sich einige von uns diese Frage schon mal gestellt und würden so einen Ausflug gern mal machen – ich schließe mich da gar nicht aus. Die zwölfjährige Frieke aus dem Roman Die verborgenen Bilder von Maja Ilisch bekommt unvermutet die Gelegenheit dazu.
In ihrem neuen Zuhause, in das sie mit Mutter und Schwester Henri ziehen muss, weil ihre Eltern sich getrennt haben, finden sich hübsche Bleistiftzeichnungen an der Wand. Diese will Frieke behalten, also nicht neu übertapezieren. Durch einen Zufall findet sie heraus, dass sie durch diese Bilder in die Vergangenheit reisen kann, und zwar in das Jahr 1928.
Geschichte hautnah
Hier lernt sie die gleichaltrig Ilsabeth kennen und ist fasziniert. Fast einhundert Jahre früher lebt es sich in derselben Wohnung, in derselben Stadt nämlich völlig anders. Frieke weiß, dass sie nichts über die Zukunft erzählen darf, um die Vergangenheit nicht zu verändern, und zunächst klappt das auch ganz gut, denn Ilsabeth zeigt ihr den damaligen Alltag, geht mit ihr ins Kaufhaus und ins Kino. Ilsabeth wird Friekes beste Freundin und fast möchte sie für immer in der Vergangenheit bleiben.
Doch nach und nach beschleicht Frieke ein ungutes Gefühl, denn Ilsabeth und ihre Familie äußern sich antisemitisch und sind von Hitler fasziniert, obwohl dieser noch gar nicht an der Macht ist. Als Ilsabeth mit ihrem großen Bruder nach Berlin zu einer Veranstaltung mit dem Ober-Nazi fahren will und Frieke einlädt mitzukommen, ist diese hin und her gerissen.
Doch als in der Gegenwart Friekes Vater, der sich als schwul geoutet hat, gemeinsam mit seinem Freund zusammengeschlagen wird, begreift Frieke, dass sie sich schon fast zu sehr von Ilsabeth hat beeinflussen lassen. Denn die Erkenntnis, dass Homosexuelle während der Nazi-Zeit verfolgt wurden und auch heute noch nicht sicher sind, schockiert sie zutiefst. Denn trotz der elterlichen Trennung hat sie ihren Vater ja immer noch lieb.
Geschickte Verknüpfung von Gestern und Heute
Maja Ilisch gelingt mit diesem Roman eine packende Gratwanderung zwischen dem Gestern und dem Heute. Frieke, die sich durch das Outing ihres Vaters plötzlich in einer neuen Familienkonstellation wiederfindet und damit zunächst völlig überfordert ist, sehnt sich nach der heilen Familie, die sie in der Vergangenheit bei Ilsabeth vorfindet. Sie ist dort willkommen und fühlt sich aufgehoben.
Aber das ist eben nicht alles im Leben. Nach und nach webt Ilisch in die Gespräche der Mädchen die deutsche Geschichte ein und macht so deutlich, warum die Menschen bereits 1928 von Hitler und seinen Plänen für ein starkes Deutschland fasziniert waren – der erste Weltkrieg war erst zehn Jahre her, der Versailler Vertrag und die besetzten deutschen Gebiete waren vielen ein Dorn im Auge. So gelingt es der Autorin, auch jungen Leser:innen die komplexe Gemengelage des damaligen Deutschland zu zeigen, die nur fünf Jahre später in die Katastrophe führen sollte.
In der Gegenwart bildet Friekes große Schwester Henri, die selbst mit einem Mädchen zusammen ist, das kritische Gegengewicht zu den damaligen Entwicklungen und ordnet Friekes Überlegungen richtig ein, sodass diese einen wichtigen Lernprozess durchmacht – und mit ihr die junge Leserschaft.
Gut durchdachte Zeitreisen
Der Kniff mit dem fantastischen Element der Zeitreise mag einem anfangs beim Lesen seltsam vorkommen, doch Ilisch hat es perfekt durchdacht. Moderne Dinge wie Handys oder Asthmainhalatoren (Ilsabeth könnte einen gebrauchen) gelangen nicht in die Vergangenheit, in der Gegenwart vergeht die Zeit nicht, der Ort – Friekes Zimmer – ist immer Start- und Endpunkt einer Zeitreise. So kann man sich auf dieses Gedankenexperiment einlassen und gerät in einen spannenden Historiensog.
Die Sicht der späteren Täter
Interessant ist dabei vor allem, dass Frieke nicht in eine Familie von späteren NS-Verfolgten gerät. Aktuelle Kinder- und Jugendliteratur mit Schwerpunkt Nazizeit legt meines Wissen den Fokus bisher meistens auf die Opfer, hauptsächlich jüdische Menschen oder Sinti und Roma. Hier jedoch sehen wir das Bild einer »normalen« Familie in der Weimarer Republik, in der der Antisemitismus und Antiziganismus alltäglich waren und die von einem Mann wie Hitler schwärmte. Friekes Unbehagen ist greifbar, denn auch mit Zwölf hat sie bereits sensible Antennen für dieses Thema.
Als erwachsene:r Leser:in ahnt man, dass diese »Bilderbuchfamilie« während der NS-Herrschaft vermutlich zu den Tätern gehören wird. Dieser Blick auf die Täter, die in der Erinnerungskultur gerade immer öfter diskutiert wird – denn es waren die normalen Deutschen, die Hitler gewählt, in seinem System mitgemacht und den Holocaust ermöglicht haben –, ist aufschlussreich und notwendig. Hierin liegt ein großes Maß an Diskussionspotential zwischen Großeltern, Eltern und Jugendlichen, sowie ein hoher Erkenntnisgewinn. Denn so wie Frieke begreift – hoffentlich – auch die Zielgruppe dieses Romans, dass sie die Vergangenheit nicht ändern können und selbst keine Schuld an den damaligen Geschehnissen haben, aber dass sie heute die Verantwortung dafür tragen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.
Maja Ilisch: Die verborgenen Bilder, Oetinger, 2026, ab 12, 16 Euro
