Es ist schon etwas Besonderes, wenn die Heldin eines Kinderbuches gut 80 Jahre alt ist. Zwar gibt es mal eine uralte Großmutter. Die kann dann aber auch mehr als ein bisschen tüdelig sein, um Kindern das komplizierte Thema Demenz zu erklären. Die betagte Agathe aber krabbelt im neuen Kinderbuch der vielfach ausgezeichneten Antje Damm munter herum. Sie ist nämlich, wie der Untertitel verrät, eine Schildkröte.
Agathe. Papas Schildkröte und ich ist Autobiografie, Sachbuch und Familiengeschichte in einem. Antje Damm ist diese Kombination hervorragend gelungen. Die lange Entstehungszeit hat sich auf jeden Fall gelohnt. Die griechische Landschildkröte war schon lange da, bevor Antje Damm im Jahr 1965 geboren wurde. Ihr Vater, einst ein Tiere und Natur liebender Junge, hat sie mit einem genialen Trick in sein Leben, das seiner Tochter und deren Töchter, seinen Enkelkindern, gebracht.
Keine Haustiere!
Allein das ist schon eine Geschichte wert. Seine Mutter, Antje Damms Großmutter, war nämlich strikt gegen ein Haustier: »1. Haustiere machen Dreck. 2. Sie stinken. 3. Sie fressen einem die Haare vom Kopf. 4.Sie machen Krach. 5. Sie brauchen Platz. 6. Und sie machen soviel Arbeit!« zeigt Damm ihre Großmutter zeternd. »Aber meinem Papa war das egal!«, schreibt sie in großen Buchstaben auf der gegenüberliegenden Seite über einen kleinen und sehr entschlossen blickenden Jungen.
Geschenk zum Muttertag
In der Tierhandlung kauft er eine Schildkröte. Ein Tier, das jedes Argument aufs Schönste widerlegt. Und schenkt es seiner Mutter liebevoll verpackt zum Muttertag. Damals war Agathe noch so groß wie ein Fünfmarkstück, was als alte, ausgeschnittene Fotos, in Originalgröße nebeneinander gelegt, sehr niedlich aussieht. Für heutige Kinder in Euro, oder eher bargeldlosen Zeiten: das entspricht knapp drei Zentimeter Durchmesser. Und so stakste Agathe in die Herzen von mehreren Generationen. »Sie ist ungefähr 20 cm lang, wunderschön und klug und sehr still«, schreibt Damm.
Inspiration für ein vielfältiges Gesamtkunstwerk
»Ohne sie hätte ich nicht begonnen, Kinderbücher zu schreiben, denn durch die Geschichten, die ich mit ihr erlebt habe, entstand mein allererstes Bilderbuch. Es wurde allerdings nicht gedruckt«, erzählt die studierte Architektin Antje Damm zu Anfang. Gut, dass sie sich nicht hat entmutigen lassen. Und umso schöner, dass jetzt derjenigen, die Inspiration und Ursprung eines vielfältigen und grandiosen Gesamtkunstwerks ist, ein eigenes Buch gewidmet wird.
Comic, Schautafeln, Grundrisse
Auch in diesem Buch verwendet Damm verschiedene, sehr individuelle Gestaltungstechniken und für sie typische Illustrationsstile. Es gibt comicartig gezeichnete Episoden und Kindheitserinnerungen, lustige, traurige und auch peinliche. Dazwischen sieht man auf detailierten Schautafeln, was Agathe am liebsten isst. Oder wie technisch ausgereift ihr Schutzhaus im Garten mittlerweile ausgestattet ist. Oder der spezielle Kühlschrank, in dem Agathe überwintert. Hier kommt Damms ursprünglicher Beruf als Architektin ebenso zur Geltung wie im Grundriss des Hauses und der Nachbargrundstücke, als die Familie mit Agathe aus der Stadtwohnung auf Land zieht.
Mettigel und Toast Hawai
Zahlreiche Fotos aus dem Familienalbum zeigen Agathe unterschütterlich im Wandel der Zeit. Collagen mit kulinarischen Modeerscheinungen wie Mettigel und Toast Hawai oder der ikonische VW Käfer, bunte 70er-Jahre Kinderklamotten, in Versuchung führende Barbiepuppen und mit Glanzbildchen verzierte Schulaufsätze – Agathe hat alles gesehen. Sich selbst dagegen hat sie oft unsichtbar gemacht, die abendliche Suche nach ihr im Garten war ein regelmäßiges Familienritual. Einmal war sie richtig ausgebüxt und über acht Wochen verschwunden.
Zehen hat sie zum Fressen gern
Es gibt zahlreiche Anekdoten mit Agathe, etwa warum die Familie in Antje Damms Kindheit nur einmal in den Ferien weggefahren ist und fortan den Sommer entspannt zu Hause im Garten verbrachte. Oder Agathes mit Fotos belegte Freundschaft mit einer Taube. Antje Damm erzählt lustig und ungeheuer liebevoll von dem stillen Familienmitglied. Auch von deren Macken: »Wenn es warm ist, ist sie immer auf der Suche nach etwas zu fressen, und wenn man in ihre Nähe kommt, untersucht sie sofort die Füße. Das ist auch das einzige, wo sie drankommt. Wenn man im Sommer barfuß geht, muss man wirklich aufpassen, dass sie einen nicht in den Zeh beißt. Sie liebt Zehen über alles und keiner weiß, warum.«
Wirklich kein Haustier
Mann wünscht sich, dass Agathe noch viele Sommer in Zehen beißt. Allerdings ist mit gut 80 Jahren die Lebenserwartung selbst für griechische Landschildkröten mittlerweile erreicht. Und wenn Kinder jetzt von einer eigenen Schildkröte träumen, so mahnt Antje Damm auf der letzten Seite: »Schildkröten sind wunderbare Tiere und am allerbesten geht es ihnen in ihrem ursprünglichen Lebensraum und nicht in der Gefangenschaft als Haustier.« Das Vergnügen an dieser wunderbaren Lebensgeschichte mit einer entzückenden Heldin mindert das keineswegs.
Antje Damm: Agathe. Papas Schildkröte und ich, Moritz Verlag, 2026, 72 Seiten, 18 Euro, ab 6 Jahre
