Vergleiche können manchmal Ansporn sein und motivieren. Sie können auch hinken (was eine sehr gute Metapher für einen zumindest fragwürdigen Vergleich ist). Meistens schüchtern Vergleiche aber ein, entmutigen oder schaden und verletzen sogar.
So geht es Trixi, einem leicht flatterhaften Wesen, aus der Feder der Kinderbuchkünstlerin Linda Schwalbe. Trixi ist ein Falter, genauer ein Taubenschwänzchen, das so heißt, weil die Haarbüschel an seinem Hinterleib an Taubenfedern erinnern. Mit 70 bis 90 Flügelschlägen in der Sekunde können Schmetterlinge sehr schnell fliegen. Und wie ein Kolibri in der Luft stehen. Dafür brauchen diese Insekten enorm viel Energie. Wie die kleinen, exotischen Vögel aus Südamerika saugen auch Taubenschwänzchen Nektar aus Blütenkelchen, aus unglaublich vielen, aus tausenden, 1300 bis zu 5000 täglich!
Ein bisschen verpeilt
Trixi fliegt gern rasend schnell mit ihrem Kumpel Siggi um die Wette. Und obwohl sie eigentlich viel flotter ist als die Fliege, lässt sie sich doch leicht kurz vorm Ziel durch leckere Fliederblüten ablenken. Trixi ist also ein bisschen unfokusiert und liebenswert verpeilt. Linda Schwalbe erweckt das Taubenschwänzchen Trixi als sympathisches Wesen mit großen, schwarz glänzenden Kulleraugen und einem coolen Stern auf der Brust zum Leben. Seine filigrane Leichtigkeit bekommt der Schmetterling, indem die Illustratorin die Flügel nur mit parallelen Linien in Pastelfarben konturiert und andeutet.
Insekten sind quasi Tauben
MIt diesen lufitig leichten Flügeln saust Trixi gelegentlich auch durch die Stadt und Straßenschluchten, über die Köpfe der Menschen hinweg. Und die sind zunächst auch ganz hin und weg von der virtuosen Fliegerin, halten sie Trixi doch erst für einen Kolibri. Trixi genießt die bewundernden Rufe, bis jemand erkennt, dass sie ein Insekt, ein »haariger Falter« ist. Schon ist Schluss mit lustig. Denn Vögel werden respektiert und für ihre Flugkünste bewundert – außer sie sind Tauben. Insekten aber sind quasi Tauben, gelten als lästig und ekelig. Außer es sind Bienen. Dabei bestäuben nicht nur die immer hungrigen und sehr umtriebigen Taubenschwänzchen genauso effektiv Blüten wie die beliebten Bienen.
Große Dynamik
Aber erklär das Mal der Frau, die wütend nach dem fetten Brummer schlägt. Linda Schwalbe ändert den Blick auf Insekten mit ihrem Kinderbuchdebüt. Bewusst hat sie es als Comic gestaltet. So bekommt die Geschichte eine große Dynamik. Auch die Mischung aus analoger Maltechnik mit Buntstiften und Acrylfarben und anschließender digitaler Bearbeitung der eingescannten Seiten bringt sichtbar Schwung in die Bilder. Wenn Trixi und Siggi dann mit sich über Seiten schlängelndem Brooooommmmmmmm durch die Lüfte sausen, wird fast der Lufthauch spürbar, mit dem die Flugakrobaten raffiniert Hindernisse umfliegen.
Solidarische Kleinstlebewesen
Modern ist diese Geschichte, modern erzählt und thematisch brandaktuell. Im Gegensatz zur putzigen Trickfilmwelt der Biene Maja zeigt Linda Schwalbe, wie wichtig Insekten sind. Sie erzählt es als spannendes Abenteuer: Siggi bleibt nämlich wegen seiner Lust auf Süßes an einem Lolli kleben, wird entführt und soll als Chamäleonfutter enden. Also nimmt Trixi all ihren Mut zusammen, um ihren Freund zu retten. Gemeinsam und solidarisch mit anderen Kleinstlebewesen und ihren besondern Talenten schafft sie es, ihren Fliegenkumpel zu befreien.
Die coolsten Taubenschwänzchen
Als auf dem bunten Schlussbild mit ganz vielen jubelnden Insekten, Flatter- und Krabbeltierchen, eines anerkennend sagt: »Trixi, du warst heute der überzeugendste Kolibiri, den ich je gesehen habe«, antwortet unsere knuffig leichte Heldin selbstbewusst: »Von wegen Kolibri – wir alle waren heute die absolut coolsten Taubenschwänzchen.« Schluss mit hinkenden Vergleichen. Die Taubenschwänzchen sind genau richtig und wichtig, wie sie sind.
Einzigartige und unvergleichliche Kinderbücher
Schön, berührend und interessant sind sie auch. So wie alle Kinderbücher aus dem Rotopol Verlag, mit dem Linda Schwalbe auf der Kinderbuchmesse in Bologna zusammengekommen und wo ihr außergewöhnliches Debüt erschienen ist. Wie die Bücher von Beatrice Alemagna (Ihre Hoheit Matsch, Prinzessin von Schlammland) oder Anna Haifisch sind diese Werke für junge Leserinnen und Leser alle ganz besonders, einzigartig – und einfach unvergleichlich.
Linda Schwalbe: Trixi – Es flattert im Flieder, Rotopol, 2026, 96 Seiten, 20 Euro, ab 7
