Ist das Kunst, oder kann das weg? Das ist ein dummer Spruch von Leuten, die sich damit über etwas lustig machen, das sie nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Kunst ist nämlich nach der Meinung solcher Ignoranten nur etwas Dekoratives, möglichst naturalistisch, gern idyllisch. Also eher Kunsthandwerk.
Kunst dagegen bewegt, regt an nachzudenken und motiviert, Missstände in Frage zu stellen. Und im besten Fall bringt sie Menschen auf die Straße! Und ändert die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Guten. Die US-amerikanische Sozialarbeiterin und Kunstpädagogin De Nichols erklärt mitreißend, wie Kunst als Protest funktioniert. Und dass Protest an sich schon eine Form von Kunst ist. Gleich fünf verschiedene Illustratorinnen und Graphikdesigner aus den USA, Rumänien, Großbritannien und Chile haben dieses Buch vielfältig, farbintensiv und unwiderstehlich ansprechend gestaltet.
Mehr als demonstrieren
Die Initialzündung für De Nichols als Aktivistin war der 9. August 2014. An dem Tag hatte ein Polizist einen Jungen erschossen. »Er war durch das Wohnviertel seiner Großmutter geschlendert. Der Name des Teenagers war Michael Brown. Viereinhalb Stunden lang lag Michael auf der Straße, während Nachrichtensender berichteten und sich ringsum bestürzte Nachbar:innen versammelten. In den folgenden Tagen gingen in Michaels Heimatstadt Ferguson, Missouri, Hunderte auf die Straße. Nachdem auch ich täglich – und bald jede Nacht – demonstriert hatte, verspürte ich das Bedürfnis, noch mehr zu tun.«
Gesicht und Stimme geben
Zunächst gründete Nichols, die zu der Zeit als Erzieherin im örtlichen Museum für moderne Kunst arbeitete, die Onlineplattform Connected for Justice, über die Spenden an soziale Einrichtungen vor Ort verteilt wurden. Mit einem Fotografen veröffentlichte sie Portraits von Protestierenden und machte ihre Geschichten bekannt. Das ist der Zweck von Protestkunst: Menschen, die ungehört bleiben, eine Stimme zu geben. Sie mit ihren Wünschen und Problemen sichtbar machen. Und klar, einfach und unmissverständlich ihr Anliegen zu äußern.
Spiegelsarg
»Von all unseren Aktionen ist der Spiegelsarg am bekanntesten geworden. Das Projekt entstand aus einer Reihe von Träumen, die ich nach meinen ersten Demo-Nächten hatte. Jedes Mal kamen darin Männer vor, die einen Sarg aus Spiegeln trugen. Das Bild ging mir nicht mehr aus dem Kopf.« Sie bauten einen solchen Sarg und trugen ihn von der Straße, in der Michael erschossen wurde, zum Polizeirevier. Danach wurde der Spiegelsarg bei weiteren Demonstrationen eingesetzt und im ganzen Bundesstaat Missouri ausgestellt. Mittlerweile hat das Nationalmuseum für afroamerikanische Geschichte und Kultur in Washington D. C. den Spiegelsarg erworben.
Kunst für die Straße
In diesem Werk der Protestkunst vereinen sich wesentliche Eigenschaften sozialer Bewegungen: Es wurde nicht ursprünglich für ein Museum oder Kunstsammler hergestellt, sondern für die Straße. Es informiert. Es macht Botschaften sichtbar. Es reflektiert. Der Sarg macht Trauer, erfahrene Gewalt und in diesem Fall die Polizeiwillkür plastisch und eindringlich deutlich. Das Kunstwerk prangert Zustände an.
Remix aus Vorhandenem
»Ein Hauptanliegen von Protestkunst ist die Auflehnung gegen bestehende Gesellschaftsnormen und Regeln. Mit ihren Werken drücken Künstler:innen wie Elizabeth Vega, Ai Weiwei, Banksy und viele andere ihren Widerstand aus. Oft greifen sie auf vorhandenes Material und Kulturgut zurück und arrangieren es neu. Zum Beispiel remixen sie Werbebotschaften, Denkmäler und Bauwerke, Nachrichten oder politische Slogans, um auf Heucheleien, überholte Werte und andere Missstände hinzuweisen«, erklärt Nichols. Künstler:innen und Aktivist:innen okkupieren Insignien der Macht, verfremden sie geschickt – und entlarven so Strukturen der Unterdrückung und Ungerechtigkeit.
Tänze und Regenschirme
Dabei ist Protestkunst nicht neu: Anfang des 19. Jahrhunderts erschütterte Francisco de Goyas Zyklus Die Schrecken des Krieges, Diego Riveras erzählte in riesigen Wandgemälden Mexikos Geschichte, 1929 wehrten sich Frauen in Nigeria mit Tänzen und Gesängen gegen die britische Kolonialherrschaft, Dada-Künstler wendeten sich gegen Kriegstreiberei. De Nichols stellt Symbole von Protesten vor, zum Beispiel gefaltete Papierkraniche, Regenschirme, geballte Fäuste oder die Regenbogenflagge.
Farben und Typografien
Farben spielen ebenfalls besondere Rollen: Das Orange der Revolution in Kiew. Rot war die Farbe die Nelkenrevolution in Portugal. Blau stand für die Indigo-Unruhen in Indien. Auch Lila, Grün, Pink, Schwarz und Weiß haben gesellschaftliche und kulturelle Bedeutungen und prägen bestimmte Protestbewegungen. Sogar für unterschiedliche Typografien gibt es eine Doppelseite in diesem appellativem Sachbuch und Ratgeber: Es macht einen Unterschied, ob man gelehrt und elegant wirkende oder moderne und schnörkellose Schriften verwendet. Auch Groß- oder Kleinschreibung oder in Versalien (nur in Großbuchstaben) verändert die Wahrnehmung des Geschriebenen.
Dazwischen finden sich immer wieder motivierende Seiten mit praktischen Tipps, wie man selbst Protestkunst schaffen kann. Das reicht von einfachen Schildern, Bannern und Plakaten über Playlists mit Protestsongs, Logos und Flashmobs bis zu Memes, Videos und Zeitschriften, sogenannten Protest-Zines.
Bewegendes und inspirierendes Kunstwerk
Bunte und detailierte Collagen, Scherenschnitte, Siebdruck, Graffiti und Stencils, Fotografien. Auf der nächsten Seite Comicelemente, Bilder in knalligen Farben und scharf konturierte Schwarzweiß-Grafiken im Wechsel. Dazu eingestreute Zitate, im Spiel mit verschieden Schriftarten und Größen, auf farbigem Untergrund oder großzügigem Weißraum – so unterschiedlich die fünf Illustrator:innen sind, so heterogen sind ihre Gestaltungsmethoden und Umsetzung der vielfältigen Aspekte. Sie alle machen Auf die Straße! zum inspirierenden und ermutigendem Protestkunstwerk.
Bei der nächsten Demonstration gegen Rassismus oder Sexismus, für Gleichberechtigung oder Umweltschutz mit kreativen Plakaten, mitreißenden Slogans und überraschenden Aktionen ist das Motto: Das ist Kunst! Und DAS (wahlweise einsetzen: digitale Gewalt, Rechtsextremismus, SUVs, also super unnütze Verkehrswendehindernisse, etc.) muss weg!
De Nichols: Auf die Straße! – Kunst als Protest, Illus: Diana Dagadita, Saddo, Olivia Twist, Molly Mendoza, Diego Becas, Übersetzung: Leena Flegler, Gerstenberg, 2026, 80 Seiten, 22 Euro, ab 13
