Satt an Tagen

goodbye uromaUroma ist 92 und hat einen Entschluss gefasst: Am 14. September um 17 Uhr will sie sterben. Dann hat sie 33770 Tage gelebt, das reicht ihr, sie ist satt an Tagen. Und das möchte sie an dem Tag mit einem großen Fest im Kreis ihrer Familie und Freunde gebührend feiern. Das ist dem 11-jährigen Mikael nicht genug. Er lässt sich von der Schule befreien, um die restlichen zwölf Tage mit der geliebten Uroma zu verbringen.

Gemeinsam bereiten Urenkel und Uroma nun alles für den großen Tag vor: Sie kaufen orangefarbenen Stoff für das Leichenhemd, suchen einen schlichten weißen Sarg aus, unterrichten den Pfarrer über Uromas Musikwünsche für die Trauerfeier (die alte Dame steht auf Elvis und besteht auf „Return to Sender“), sie veranstalten einen Nachlass-Flohmarkt mit Uromas Habseligkeiten und machen einen letzten Ausflug.

Zwischendrin erzählt Uroma Mikael von den schönen und weniger schönen Dingen aus ihrem Leben, trainiert im Sarg das Sterben – und bringt dem Jungen quasi nebenher bei, dass der Tod zum Leben gehört.

Jetzt könnte man meinen, dieser amüsante Umgang mit dem Sterben sei pietätlos und gehöre sich nicht, doch der Norwegerin Eli Rygg gelingt es auf sehr charmante Art, sich diesem schweren Thema leicht und liebevoll zu nähern. Sein Leben auf natürliche Art und Weise selbstbestimmt zu beenden wird bei ihr zu einer erstrebenswerten Selbstverständlichkeit und hat etwas ungemein Tröstliches. Denn Uroma nutzt die Zeit davor, „den inneren Komposthaufen“ zu wenden, Versäumtes nachzuholen und ihrem Urenkel die Dinge zu gestehen, die sie bereut.

Erstaunlicherweise baut sich selbst bei der eher traurigen Aussicht auf Uromas Ende eine Spannung auf, ob ihr Vorhaben wirklich gelingt …

Man sollte sich von dem etwas sonderbaren Buchcover nicht abschrecken lassen – dahinter erwartet den Leser eine außergewöhnliche Geschichte, die eines der letzten Tabus unserer Zeit ankratzt und gleichzeitig das Leben feiert.

Eli Rygg: Goodbye, Uroma!, Übersetzung: Nina Hoyer, Gerstenberg Verlag, 2012, 221 Seiten, ab 9, 12,95 Euro

Das Hauptstadtlehrbuch

spazieren in BerlinMein Lieblingswanderbuch in diesem Jahr ist eindeutig Franz Hessels Spazieren in Berlin. Wobei der Untertitel der Originalausgabe von 1929 das eigentliche Anliegen dieses Buches verheißt: Ein Lehrbuch der Kunst in Berlin spazieren zu gehn ganz nah dem Zauber der Stadt von dem sie selbst kaum weiss. Das ist ein Versprechen, ein wunderschönes. Und das Buch löst es ein.

In Abständen greife ich immer wieder dazu und suche mir das Kapitel heraus, das gerade zu meinen eigenen Berlin-Erlebnissen passt. Und dann entdecke ich Schätze, die mir die vergangene Fülle dieser Stadt vor Augen führt. Heute zum Beispiel war es der folgende Satz: „Die ganze Seydelstraße entlang stehen gespensterhaft in den Schaufestern die Puppen der Büsten- und Wachskopffabriken, die Attrappen und ‚Stilfiguren’ der ‚Schaufensterkunst’, die in Tausenden von Exemplaren durch ganz Deutschland und weiter wandern, um Hemden, Kleider, Mäntel und Hüte zu tragen.“ (S. 35) Von Schaufenstern ist in der heutigen Seydelstraße nichts mehr zu sehen. Gespensterhaft sind vielmehr die Neubauten, die dort gerade auf den Brachen des ehemaligen Mauerstreifens aus dem Boden gestampft werden. Es kommt mir nicht so vor, als ob hier an die Geschäftigkeit von damals wieder angeknüpft werden soll. Die „Neue Mitte“ ist viel mehr das Schlachtfeld der Immobiliengeschäfte.

Zurück zu Hessel: Er läuft und fährt durch das „Gemisch von Großstadt und Gartenstadt“, erkundet den Kreuzberg, das Zeitungsviertel, flaniert von Neukölln nach Britz, durchkämmt die Hasenheide und die Friedrichstadt. Und stellt lakonisch fest, dass im Vergleich zu 100 Jahren vorher die Gegend um den Hackischen Markt „jetzt alles andre als märchenhaft“ ist (S. 190). Man wünschte sich sein Urteil zu dem heutigen Trubel dort …

Mit aller Selbstverständlichkeit eines Chronisten beschreibt Hessel das, was heute natürlich oft fehlt. Doch dann gibt es Passagen, in denen scheinbar das Berlin von heute durchschimmert, und man ist beruhigt, dass der Geist der Stadt und die Berliner Lebensart das Auf und Ab der Geschichte überstanden hat.

Franz Hessels Stimme aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stößt die Bewohner und Besucher der Hauptstadt auf ihre Schönheit, ihre Räudigkeit, ihr Können und ihr Versagen in der Gegenwart: „… wir wollen ein weinig Müßiggang und Genuß lernen und das Ding Berlin in seinem Neben- und Durcheinander von Kostbarem und Garstigem, Solidem und Unechtem, Komischem und Respektablem so lange anschauen, liebgewinnen und schön finden, bis es schön ist.“ (S. 221)

Franz Hessel: Spazieren in Berlin, Geleitwort: Stéphane Hessel, Nachwort: Bernd Witte, neu herausgegeben von Moritz Reininghaus, Berlin Verlag Taschenbuch, 2012, 240 Seiten, 9,99 Euro

… und fernsehen hilft doch

wir werden nicht von Yaks gefressenMomentan mache ich eine Beobachtung, bei der ich ab und an mal schmunzeln muss – oder mich extrem wundere: Es erscheinen gerade ein paar Bücher, zu denen ich für den einen oder anderen Verlag in den vergangenen Monaten Gutachten geschrieben habe. Bei vielen ist mein Daumen nach unten gegangen. Doch jetzt stelle ich fest, dass einige dieser Trash-Romane dennoch auf Deutsch erscheinen (allerdings nicht in den Verlagen, denen ich davon abgeraten habe). Nun ja, es scheint ein immenses Bedürfnis nach neuen Storys zu geben, egal wie deren Qualität ist … Umgekehrt freue ich mich dann immer, wenn eine Empfehlung von mir auch wirklich eingekauft und übersetzt worden ist. So ein Fall ist das folgende Buch von C. Alexander London mit dem skurril langen Titel Wir werden nicht von Yaks gefressen* *hoffentlich.

Die 11-jährigen Zwillinge Celia und Oliver Navel lieben Fernsehen. Sie sitzen am liebsten den ganzen Tag vor dem Kasten und sind echte Experten für Film, Soaps, Reality-TV, Koch-Shows, Reisesendungen und Sportevents. Doch sie wohnen mit ihrem Vater, dem Forscher Dr. Ogden Navel, im Haus des exklusiven Forscher-Clubs und müssen sich ständig die Abenteuergeschichten aller möglichen Forschungsreisender anhören. In den Ferien schleppt der Vater sie in die exotischsten Länder, wo sie angeblich aufregende Dinge erleben. Doch die Kinder finden das entsetzlich, sie wollen keine Käfer essen oder von Eidechsen gebissen werden. Sie möchten einfach nur ihre Ruhe haben und wünschen sich nichts sehnlicher als ordentliches Kabelfernsehen. Ihre Mutter Claire ist seit drei Jahren verschollen, auf der Suche nach der verlorenen Bibliothek von Alexandria. Ein bisschen vermissen die Kinder sie und fragen sich, ob die Mutter vielleicht weggegangen ist, weil die Zwillinge solche Langweiler sind. Doch dann verschlägt eine Intrige gegen ihren Vater die Zwillinge nach Tibet. Dort begegnen sie üblen Gifthexen, machthungrigen Forschern und Lamas, die keine Lamas sind. Und sie finden eine Spur zu ihrer verschollenen Mutter …

An Rasanz und schrägem Humor ist diese Geschichte kaum zu übertreffen. In Indianer-Jones-Manier retten sich die beiden TV-Abhängigen aus allergefährlichsten Lebenslagen, immer mit Hilfe ihres Wissens aus dem Fernsehen. Schließlich winkt ihnen als Belohnung für ihr Abenteuer endlich Kabelfernsehen. Das Couch-Potato-Image der Kinder kontrastiert wunderbar mit der Aufgeregtheit und Angeberei der Erwachsenen, denen die jungen Helden beweisen, wie clever sie durch ihren Fernsehkonsum geworden sind. Falls also jemand noch einmal behauptet, Fernsehen mache dumm, dem sei dieses Buch empfohlen …

C. Alexander London: Wir werden nicht von Yaks gefressen* *hoffentlich, Übersetzung: Petra Koob-Pawis, Arena Verlag, 2011, 278 Seiten, ab 10, 14,99 Euro

Korrekter Bigtalk

Marcelo in the Real WorldWas ist die wahre Welt? Und ist die Wahrheit immer ein Geschenk? Marcelo macht sich da so seine ganz eigenen Gedanken. Das liegt zum Teil daran, dass er eine Art des Asperger-Syndroms hat. Sätze nimmt er wörtlich, übertragende Bedeutungen hat er im Kommunikationstraining gelernt. Gefühle bei anderen Menschen zu erkennen fällt ihm schwer. Lieber diskutiert er mit Rabbinerin Heschel über sein Spezialgebiet, Gott. Er hört eine wohlige innere Musik. Außerdem liebt er die Haflinger-Ponys seiner Schule, an der er so sein darf, wie er eben ist. Ein bisschen langsam, sehr korrekt und einfach liebenswert.

Sein Vater, Staranwalt in einer großen Gemeinschaftskanzlei in Boston, sieht das jedoch anders und verpflichtet Marcelo, die Sommerferien über in der Poststelle der Kanzlei zu arbeiten. Damit der Sohn das wahre Leben kennenlernt und sich weiterentwickelt.

Und das tut er – nur nicht auf die Art, wie der Vater es sich gedacht hat. Denn mit den Regeln der wahren Welt und vor allem mit denen des amerikanischen Justizsystem konfrontiert, beschließt Marcelo nach gründlichen Überlegungen, nicht mehr mitzuspielen, sondern der Gerechtigkeit auf die Sprünge zu helfen…

Was sich als Plot vielleicht nicht besonders spektakulär anhört, wird jedoch durch die Darstellung der Arbeitswelt, die wir wahrscheinlich als „normal“ bezeichnen würden, überaus beeindruckend: Der grobe, menschenverachtende und fast schon gewalttätige Umgang der Kanzlei-Mitarbeiter untereinander zog mir die Eingeweide zusammen. Gefühlskälte, Berechnung, Manipulation herrschen hier – und werden durch Marcelos Blick darauf in ihrer ganzen Grausamkeit entlarvt. Fassungslos liest man vor den Umgangsformen und Gepflogenheiten, die in der „wahren Welt“ gang und gäbe sind.

Doch zum Glück gibt es Jasmine. Sie zeigt dem Jungen die Hügel von Vermont, den Sternenhimmel und eine Welt, in der Klarheit, Ehrlichkeit und Liebe möglich sind. Das tröstet und beruhigt ganz ungemein. So möchte man sofort mit Marcelo dorthin ziehen und der inneren Musik lauschen.

Marcelo In The Real World ist eine Perle – sowohl sprachlich, dank der pointierten Übersetzung von Britta Waldhof, als auch inhaltlich, dank der genauen Beobachtung durch Autor Francisco Stork, der uns allen einen Spiegel vorhält, wie nachlässig wir im täglichen Leben mit Worten und Gefühlen umgehen. Einfach großartig.

Francisco X. Stork: Marcelo in the Real World, Übersetzung: Britta Waldhof, Fischer FJB, 2011, 363 Seiten, 17,95 Euro

Burn-out im Vatikan

Eigentlich soll es hier ja um Bücher gehen, doch jetzt muss ich kurz einen Exkurs in die Filmkritik machen. Ich bin nämlich noch ganz beseelt von Nanni Morettis neuestem Werk: Habemus Papam. Den dämlichen deutschen Untertitel lasse ich hier weg, denn der trifft das Ganze so gar nicht.

Moretti schildert die Nöte eines frisch gewählten Papstes (Michel Piccoli). Kurz vor dessen Auftritt auf dem Vatikanischen Balkon erleidet der Pontifex Maximus einen Nervenzusammenbruch und macht sich aus dem Staub. Auch der herbeigerufene Psychoanalytiker (Nanni Moretti) kann, obwohl er mit dem Fluch, der Beste zu sein, geschlagen ist, nichts ausrichten.  Schließlich irrt das Kirchenoberhaupt durch Rom, auf der Suche nach seiner Bestimmung.

Nanni Moretti, feinsinniger Komiker und genauer Beobachter, bringt Menschlichkeit und Volleyball in den Vatikan und die Psychoanalyse an ihre klerikalen Grenzen. Der zarte Humor freut die Zuschauer, und doch bleibt einem das Lachen oftmals im Halse stecken, zu überwältigend sind die Seelenqualen des Hauptdarstellers. Irgendwann musste ich dann doch das Taschentuch zücken …

Michel Piccoli als Papst wider Willen ist einfach großartig. Ständig möchte man ihn trösten, ihm seine Freiheit und Ruhe verschaffen. Gleichzeitig stößt er den Zuschauer auf seine eigenen Zwänge und die Vereinnahmung durch die Umwelt. Man leidet mit – und ist ergriffen von der Auflösung.

Nanni Moretti hingegen, der den Kardinälen zwischendrin die Symptome einer Depression aus der Bibel vorliest, macht mir immer wieder Hoffnung, dass Italien doch noch nicht ganz verloren ist.

Habemus Papam, Regie: Nanni Moretti, Italien/Frankreich 2011, 102 Minuten.