Ein Bündelchen Widerspruch

anneIch war zwölf, als ich das Tagebuch der Anne Frank zum ersten Mal las. Das ist ziemlich lange her, und die vielen Details von Annes Erzählung, ihre persönliche Art, ihr Erzählstil und ihre Wachsamkeit gegenüber den grausamen Vorgängen in der damaligen Welt habe ich als Jugendliche dann wieder relativ schnell vergessen. Geblieben ist mir jedoch ein tiefes Mitgefühl für Anne und ihre Familie, für die beengte Situation im Hinterhaus und den Schrecken, den diese Menschen durchgemacht haben. Es hat mich für die Verbrechen, die die Nazis den Juden angetan haben, so sensibilisiert, dass mich dieses Thema seit dem immer begleitet hat und nicht loslässt.

Nun habe ich Das Tagebuch der Anne Frank erneut gelesen, und das gleich zwei Mal. Zunächst in der aktuell erschienen Fassung als Graphic Dairy der Israelis Ari Folman und David Polonsky. Die beiden Künstler sind durch ihren Animationsfilm Waltz with Bashir bekannt geworden und haben Anne Franks Tagebuch in eine Graphic Novel umgesetzt. Sie haben mich vom ersten Panel an berührt.

Die Geschichte von Annes Zeit im Hinterhaus in der Prinsengracht ist bekannt. Folman und Polonsky ist es nun gelungen, Annes Briefe an ihre imaginierte Freundin Kitty in einem Ligne-Claire-Stil in warmen Farben in verhältnismäßig wenigen Panels bildlich umzusetzen. So ist man schon nach den ersten Seiten über die Verhältnisse der Familie Frank im Bilde, wie sie unter den Einschränkungen für Juden in Amsterdam zu leiden haben und wie sie im HInterhaus von Franks Firma untertauchen.
In den Textbalken der Panels erzählt Anne selbst, entsprechend ihren Tagebucheinträgen. In den Sprechblasen finden sich fiktive Dialoge, die das extreme Zusammenleben auf engstem Raum unmittelbar erscheinen lassen. Als Leserin hat man Anne und ihr Lebensumfeld also plastisch vor Augen – und kann sich so voll auf Annes innere und äußere Kämpfe konzentrieren.
Äußerlich kämpft sie um ihren Platz unter den Untergetauchten, reibt sich an ihnen, wird als frech und aufmüpfig empfunden. Sie vergleicht sich mit ihrer Schwester Margot, sucht ein bisschen Glück bei Peter.
Innerlich träumt sie von einem Leben nach dem Krieg, setzt sich mit ihrer Wut auf die Mutter auseinander, reflektiert über das, was sie von ihren Helfern und aus dem Radio hört, sorgt sich um ihre Freundinnen, die irgendwo da draußen sind. In diesen Passagen versagt zwar die bildliche Darstellung und Folman und Polonsky drucken dann seitenweise den Originaltext, in Mirjam Presslers Übersetzung, ab, doch mindert das die Qualität dieser Darstellung nicht im Geringsten. Es zeigt viel mehr, was für eine reife, tiefgründige und lebensfrohe Person Anne Frank war.

Damals mit zwölf habe ich diese Dimension überhaupt nicht begriffen, wie es mir nun aufgeht. Ich habe daher meine alte Ausgabe von 1980, in der Übersetzung von Anneliese Schütz, noch einmal vorgezogen. Und darin, in den vergilbten Seiten, fand ich dann genau die Anne aus der Graphic Novel wieder: Das so wache, fröhlich-freche Mädchen, das schon in so jungen Jahren zu so bedeutenden Worten fähig war, das zuhören konnte und aus dem Gehörten die richtigen Schlüsse zog (wenn man ihre Schilderungen von den Radioberichten betrachtet). Die sich aber auch genau bewusst war, dass sie sich nach außen hin ganz anders gab, als sie innerlich eigentlich war.

anneHier passierte bei mir nun zweierlei: Zum einen wurde mir klar, wie exakt Folman und Polonsky in ihrer Graphic Novel gearbeitet haben. Die Anne, die sie darstellen, mit den großen dunklen Augen, dem Seitenscheitel und den keck hochspringenden Haarspitzen, die sich also äußerlich genau dem weltberühmten Foto von Anne annähert, entspricht auch innerlich genau der Anne, wie sie mir im Tagebuch selbst begegnet. Folman und Polonsky ist es also gelungen, diese komplexe Person mit all ihren Facetten lebendig werden zu lassen. Und das ist einfach großartig.

Das andere ist, dass ich nun die enorme Tiefe von Annes Texten natürlich viel besser verstehe als mit zwölf. Aus Annes Tagebucheinträgen schlägt mir die dramatische Wucht ihres Lebens entgegen. In jedem Eintrag entdecke ich etwas Neues, das mich auf ihre Seite zieht. Ich möchte sie gegen alle Vorwürfe ihrer Mitbewohner verteidigen, sie in den Arm nehmen, sie aus dem Hinterhaus rausholen – und kann es nicht. Anne hätte ich gern als Freundin gehabt (wer hätte das nicht?), auch wenn ich mit ihr wahrscheinlich gar nicht hätte mithalten können.
Und so wie ich vergangenes Jahr in Bergen-Belsen vor ihrem Grabstein heulen musste, treiben mir nun ihre Texte wieder die Tränen in die Augen. Weil sie so schön sind, und das Ganze gleichzeitig so traurig und widersinnig ist.

Das Graphic Dairy, das vom Anne Frank Fond in Basel autorisiert wurde, bringt einen vielleicht nicht zum Heulen, doch es stellt einen hervorragenden Einstieg für junge Leser_innen dar, die Anne Frank erst noch kennenlernen müssen. Dass man danach zum richtigen Tagebuch greift, ist eigentlich das höchste Lob, dass man Folman und Polonsky machen kann. Denn auch 75 Jahre nachdem Anne und ihre Familie im Hinterhaus untertauchen mussten, hat sie uns immer noch viel zu erzählen und zu lehren.
Heute vielleicht mehr denn je.

Ari Folman/David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank, Übersetzung Mirjam Pressler/Ulrike Wasel/Klaus Timmermann, Fischer Verlag 2017, 160 Seiten, 20 Euro

Anne Frank: Tagebuch, Fassung von Otto H. Frank u. Mirjam Pressler, Fischer Verlag, 6. Aufl. 2016, 19,90 Euro

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Lebensrettendes Chaos

meschenmoserMit klassischen Märchen habe ich Probleme: Zu unreflektiert werden überkommene Werte und Rollenvorbilder wieder und wieder erzählt, passend zum heutigen Neokonservativismus. Noch verhasster sind mir Hans-Christian Andersens Schauergeschichten, in denen Mädchen sich prinzipiell opfern und die sich wie die kindliche, überhaupt nicht kindgerechte Vorlage für Filmtragödien des dänischen Regisseurs Lars von Trier lesen. Für Märchen im Sinn von Geschichten, wie sie die von mir sehr geschätzte Jugendbuchautorin Meg Rosoff gegen den grassierenden Realismuszwang verteidigt, bin ich dagegen auf jeden Fall zu haben – gern auch für fantastische, naturwissenschaftlich absolut abwegige Abenteuer. Nirgendwo kann man besser den Horizont erweitern und dem Denken eine neue Richtung geben als zwischen zwei Buchdeckeln und dem, was das im eigenen Kopf entfacht.

Gegen den Strich und gängige Erwartungen gebürstete Märchen gefallen mir umso besser: Sebastian Meschenmosers neuester Streich Die verflixten sieben Geißlein ist mindestens so gut wie seine hier von mir bereits vorgestellte Adaption eines anderen Grimmschen Klassikers. Rotkäppchen hat keine Lust enthebt das Mädchen der Opferrolle, lässt sie als unabhängige Räuberin glücklich werden, während nun Wolf und Großmutter in einer tierisch guten WG zusammen leben.

Schon damals hatte der Wolf einen klaren Plan: „Kind, Höhle, Kochtopf, Zack“. Auch diesmal ist der Wolf absolut erfolgsgewiss: Allerdings reicht ein bisschen Kreide fressen heute nicht mehr aus, sondern er gibt sich wirklich Mühe als Germanys-Next-Top-Geißenmutter zu landen: Schon auf dem Vorsatzpapier (!) bastelt er sich schicke Geißenhörner aus aneinander geklebten Klopapierrollen, trägt Puder und Lippenstift auf, dazu ein schickes Kleid und Highheels. Und dann das: Direkt hinter der der Schwelle fällt das aufgetakelte Raubtier über einen Ball und mit der Tür ins Haus – und landet im schönsten Durcheinander. „Haaarrrghnnpff!“ Das Wohnzimmer ist kunterbuntes Suchbild Nummer eins: Wer findet alle sieben Geißlein, die sich hier verstecken? Obwohl ich kein Freund von bekleideten Tieren bin, sind sie hier auf Meschenmosers farbenfrohen Aquarellen ganz und gar richtig.

Es hilft nichts, der Wolf muss aufräumen, um etwas zwischen die Zähne und in den Magen zu bekommen. Kein Chaos, keine Verstecke mehr. Deshalb bringt der Eindringling systematisch das Haus in Ordnung. Und gerade als er alle Verstecke auf- und weggeräumt hat und seinen überhaupt nicht verschreckten, potenziellen Opfern auch noch eine Standpauke hält, – „Wie kann man nur so unordentlich sein! Ob sie sich nicht schämten, wenn jemand vorkommt, um sie zu fressen und so einen Saustall vorfinden muss?“ – kommt die Geißenmutter nach Hause zurück und bereitet dem ordnungsliebenden Wolf ein unrühmliches Ende.

Und die Moral von der Geschichte? Es lebe das rettende Chaos! Als jemand mit einem angeborenen Hang zur Schlampigkeit und großem Mut zur Lücke freue ich mich über Meschenmosers märchenhaftes Plädoyer für ein kunstvolles Durcheinander. Aktuelle Metastudien beweisen sogar, dass Perfektionismus tatsächlich tödlich sein kann: Nämlich wenn Menschen mit zu hohem, unerfüllbarem Anspruch an sich selbst zum Scheitern verdammt sind und sich im Extremfall sogar umbringen. Oder wie der kluge Karl Kraus einst sagte: „Das Chaos sei willkommen, denn die Ordnung hat versagt.“

Ein buntes Durcheinander feiert auch die Doodle Cat: Eine auf das Wesentliche reduzierte, dafür umso ausdrucksstärkere Katze. Teilweise nur mit roter Umrandung gekritzelt („to doodle“) zeigt das Tier alles, was es liebt, vom Tanzen über Meer und Sterne zu geometrischen Mustern und Pupsen. Doodle Cat liebt Unterschiede, die vielfältigsten Typen, denn logische Begründung: „Unterschiede machen uns interessant. Wenn wir alle gleich wären, hätten wir einander nichts zu sagen. Stell dir vor, du würdest den ganzen Tag bloß in den Spiegel starre. Langweilig“.

Und nicht zuletzt liebt Doodle Cat sich selbst. Das heißt, sie nimmt sich so an wie sie ist: sprunghaft, verspielt, vielseitig, unperfekt. Gesundes Selbstbewusstsein kann nie schaden. Illustriert hat Doodle Cat Lauren Marriott, die von sich selbst als geborene Zeichnerin spricht, genauer als „doodler“. Es sind wirklich liebenswert exzentrische Kritzeleien, die das Kinderbuchdebüt der Wahl-Neuseeländerin Kat Patrick bebildern und zum Leben erwecken. Der Schweizer aracari Verlag ist eben immer für eine Überraschung gut: Nach diversen zarten Entdeckungen aus Südkorea und dem Bestseller Heute bin ich der Niederländerin Mies van Hout jetzt ein buntes Bilderbuch vom anderen Ende der Welt, das in der Übersetzung von Ilse Layer ebenfalls das Potenzial zum modernen Klassiker hat.

Sebastian Meschenmoser: Die verflixten sieben Geißlein, Thienemann Verlag 2017, 30 Seiten, ab 4, 12,99 Euro

Kat Patrick: Ich bin Doodle Cat, Illustratrion: Lauren Marriott, Übersetzung: Ilse Layer, aracari Verlag 2017, 36 Seiten, ab 3, 13.90 Euro

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Märchenhafte Problemlösung

Kinder brauchen Märchen. Immer noch. Daran hat sich auch in diesem Jahrtausend nichts geändert. Das hat die ALMA-gekrönte Autorin Meg Rosoff erst vor kurzen in ihrer Rede an junge Leser in Berlin eindrucksvoll bewiesen. Nachzulesen sind ihre eindringlichen Worte, in der Übersetzung von Brigitte Jakobeit, hier.

Wie man Märchen in heutigen Geschichten für junge Leserinnen einweben kann, beweist aktuell Iris Lieser mit ihrem Buch Sieben Zwerge für Paulina. Die 15-Jährige Hauptfigur ist darin mit einer ziemlich üblen Familiensituation konfrontiert: Ihre Mutter ist seit der Trennung von Paulinas Vater völlig überfordert und gibt tatsächlich Paulina die Schuld an der Trennung. Dementsprechend mies behandelt sie die Tochter. Der Vater hingegen, ein erfolgreicher Anwalt, möchte, dass Paulina Jura studiert, um später mal in seiner Kanzelei arbeitet. Was Paulina wirklich will, interessiert ihn nicht.
Und auch in der Schule läuft es für Paulina überhaupt nicht gut, sie schreibt schlechten Noten und ihre Mitschüler wollen nichts mit ihr zu tun haben. Als dann aber der verhasste Deutschlehrer die Klasse mit einer Sonderaufgabe über Märchen beauftragt, meldet sich auf einmal das coole Freundinnen-Kleeblatt Kira, Fabienne, Lisa und Henriette bei Paulina, die dem Lehrer diese „Gemeinheit“ heimzahlen will. Wenn Paulina also Mitglied in der Clique werden will, soll sie eine Mutprobe bestehen …

Dass es mit dieser Mutprobe nichts wird, liegt nahe. Paulina lernt eine sehr bittere Lektion – bei der ihr jedoch ein ungewöhnlicher Verbündeter zu Seite steht: ein alter sprechender Spiegel.

Das Spiel mit dem Märchen gelingt Iris Lieser auf eine ganz wundervolle Art. Alle Elemente sind vorhanden: die böse Mutter, die Feinde, der magische Helfer, aber auch die wohlwollenden Verbündeten und die gute Fee. So macht Paulina eine Entwicklung, vom frustrierten, pubertierenden Teenager zur verständigen und selbstbewussten Tochter und Freundin durch. Sie kann Leserinnen durchaus als Beispiel dienen, dass es auch für scheinbar aussichtslose Situationen eine Lösung gibt.
Vor allem zeigt Paulinas Geschichte aber auch, dass angeblich so coole Mutproben einfach nicht sinnvoll sind, sondern es viel mehr Ehrlichkeit und Empathie sind, durch die man seinen Platz im Leben findet. Ist man erst einmal soweit, dann klappt es auch mit echten Freunden.

Lieser straft durch ihren sympathischen Roman also diejenigen Lügen, die meinen, Märchen wären altes Zeug und heute nicht mehr nötig. Und liefert damit viel mehr den überzeugenden Beweis für Meg Rosoffs Worte: „Ohne Geschichten sind wir in einer starren Version unseres Selbst gefangen. Geschichten erschließen uns neue Wege.“

Iris Lieser: Sieben Zwerge für Paulina, Fabulus-Verlag, 2017, 120 Seiten, ab 12, 16 Euro

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Schinkensandwich mit Marmelade

„Träges Auge, Riesenschädel, schnarcht wie ein Nilpferd, oft krank, abartiger Essgeschmack, schreckliches Gedächtnis, ständig außer Atem, schmächtig, frech, kann nichts allein machen oder sich mehr als zwei Sekunden auf irgendetwas konzentrieren, Hirn tickt verkehrt, keinen Begriff für Gefahren. Mein absolut bester Kumpel der Welt.“

Martin liebt seinen drei Jahre jüngeren Bruder Charlie heiß und innig. Charlie wurde viel zu früh geboren, hat in seinen ersten Lebenstagen und –wochen mehrmals mit dem Tod gerungen und gewonnen. Vor zehn Jahren stand er als das „Wunderbaby“ sogar in der Zeitung, er ist ein ganz besonderes Kind unter Millionen, oder Charlillion, wie Charlie selbst sagen würde. Mit dem Preis, dass der Junge unter Asthma, Herzschwäche, und Konzentrationsstörungen leidet. Vieles, was für Kinder in seinem Alter selbstverständlich ist, kann er nicht und wird es auch nie lernen, er ist immer auf Hilfe und jemanden, der ihn im Auge behält, angewiesen.

Charlie ist wie ein springender Delfin, wie Mark Lowerys neuer Roman („Das peinlichste Jahr meines Lebens“) hierzulande heißt – was das bedeutet, wird später verraten. Er ist scheinbar der perfekte Held für ein Buch über gelungene Inklusion, das selbstverständliche Zusammenleben von Menschen, egal, ob „normal“ oder mit geistiger oder körperlicher Behinderung (selbst die Aktion Mensch, ehemals Aktion Sorgenkind, spricht von „Behinderung“, der naive, politisch überkorrekte Euphemismus „anders begabt“ ist passé).

Neulich ging es in der sowieso sehr empfehlenswerten Radiosendung „Büchermarkt für junge Leser“ (Samstagnachmittag um fünf nach vier im Deutschlandfunk) um Inklusion. Angefangen mit Klassikern wie Peter Härtlings Das war der Hirbel oder Max von der Grüns Die Vorstadtkrokodile wurden auch neuere Titel wie Wunder von Raquel Palacio und Sarah Crossans Eins vorgestellt. Denn immer mehr Jugendromane handeln von Menschen, die anders sind, die mit physischen und psychischen Problemen zu kämpfen haben. Wie ein springender Delfin ist eine spritzige Variante des Themas.

Charlie ist ungeheuer witzig, auch weil laut Martin sein Gehirn „anders verdrahtet“ ist, und haut Sätze raus, wie „wir fahren in die Schweiz, da kriegt mein Schniedel-Laser ein Upgrade“. Damit wehrt er zum Beispiel lässig die Fragen des misstrauischen Kioskbesitzers ab, der wissen will, warum der 13-jährige Martin mit seinem kleinen Bruder Ende Oktober schon frühmorgens unterwegs ist. Die beiden brechen auf in ein großes Abenteuer. Im Gepäck eine Keksdose mit „super-besonderen Weihnachts-Überbleibsel-Keksen“ (unter anderem mit Schokokränzen aus 90 Prozent Schokolade, fünf Prozent Keks, die restlichen fünf Prozent sind „Träume“, sagt Charlie) und Schinkenbroten mit Marmelade, Charlies Lieblingssandwiches.

Nennt mich naiv, aber ich habe mich mitreißen lassen und mitgefiebert, wenn die Jungs brenzlige Situationen, teils von Charlie provoziert, mit fanatischen Fußballfans oder neugierigen Kartenverkäuferinnen meistern, und Schaffnern und Polizisten immer wieder entwischen. Spannend und lustig erzählt Martin vom aufregenden Trip mehrere hundert Kilometer aus ihrer nordenglischen Heimatstadt Preston an die Küste Cornwalls, im Wechsel mit Rückblenden auf ihre Sommerferien eben dort im vergangenen Jahr. Auch die eingestreuten, von Martin geschriebenen Gedichte haben mir gefallen, zum Beispiel ein hübsches Haiku

Du lebst nur einmal.
Wie wär es dann einfach mit
Keksen zum Frühstück?

Drei Zeilen mit fünf, sieben und wieder fünf Silben, so kann man sich die japanische Gedichtform doch endlich gut merken. Oder ein Formgedicht über und in Form einer Sanddüne.

Die Anzeichen, dass etwas nicht stimmt, habe ich willentlich ignoriert. Wer sich auf Mark Lowerys raffiniert aufgebaute, von Uwe-Michael Gutzschhahn erfrischend übersetzte Geschichte unvoreingenommen einlässt, den trifft die Wende umso heftiger. Gespoilert wird nicht, nur soviel: Die Fahrt nach Cornwall ist für Martin eine Reise zu sich selbst und ein Rettungsversuch. Familie ist ein fragiles Konstrukt. Und auch alle Liebe und Hingabe macht nicht alles möglich. Menschen mit Behinderungen sind sich meist schmerzlich bewusst, dass sie vieles nie werden tun und erreichen können. Sie haben dieselben Träume und Wünsche nach einem selbstbestimmten Leben, aber nicht die Freiheit, sie sich zu erfüllen.

Deshalb fühlt Charlie sich so zu dem Delfin hingezogen, den er im Sommer an Cornwalls Küste beobachtet. Ein freies Wesen, das nicht eingesperrt lebt und unabhängig ist. Ein Tier, in dessen wilden, kraftvollen Sprüngen sich Charlies Schicksal und das seiner Familie in allen Facetten spiegelt: Schöne Metapher, klasse Helden, tolles Buch!

Elke von Berkholz

Mark Lowery: Wie ein springender Delfin, Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, Rowohlt, 2017, 221 Seiten, ab 12, 14,99 Euro

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Drachenstark

Eigentlich sage ich ja immer, ich lese keine Fantasy. Aber dann fallen mir doch so viele Titel ein, in denen mich Magier, Hexen, Drachen, fantastische Wesen und mächtige Objekte aufs Beste unterhalten haben, dass ich meine Aussage wohl etwas relativieren muss.

Nur reiht sich ein weiteres Buch in diese Gruppe ein, das mich beglückt hat: Aventurine – Das Mädchen mit dem Drachenherz der walisischen Autorin Stephanie Burgis, wunderbar übersetzt von Sigrid Ruschmeier.
Hierin erzählt Burgis die Geschichte von Aventurine, ihres Zeichens ein junger Drachen-Schlüpfling. Aventurine ist mit ihren 13 Jahren noch viel zu jung, um aus der heimischen Höhle in die Welt hinaus zu können. Doch das Drachenmädchen ist zum einen viel zu neugierig, zum anderen will sie ihrer besorgten Familie beweisen, dass sie draußen überleben kann.

In einem unbeobachteten Moment schleicht sich sich über einen Geheimtunnel aus der Höhle und macht sich auf, die Welt zu erobern. Fest nimmt sie sich vor, der gefährlichsten Beute für Drachen, den Menschen, aus dem Weg zu gehen. So wie ihr Großvater es ihr beigebracht hat. Doch dann wird sie von einem unwiderstehlichen, köstlichen, verführerischen, unbekannten, nie-gerochenen Duft angelockt.
Auf einer Lichtung sitzt ein Mensch und kocht heiße Schokolade. Aventurine kann sich nicht losreißen und merkt zu spät, dass der Mensch ein Essensmagier ist. Zu verlockend ist die mit Zimt verfeinerte Schokolade. Aventurines Leidenschaft erwacht. Doch die bezahlt sie mit einem hohen Preis.

Hier muss ich ein kleines Bisschen spoilern, und das ist in diesem Fall durchaus nötig, um den ganzen Drive dieser Geschichte deutlich zu machen: Der Essensmagier verwandelt Aventurine in ein Menschenmädchen, und nun geht ihre Geschichte erst richtig los.
Denn Aventurine muss sich von einem Moment auf den anderen ohne ihre Familie in einer völlig fremden Welt zurechtfinden. Durch die Gelehrsamkeit, die den Drachen zu eigen ist, hat sie ein Mindestmaß an Menschensprache gelernt, doch das Wenige, was sie weiß, hilft ihr nur bedingt weiter. Wohl oder übel muss sie zunächst neue Worte lernen, wie „Haar“, „Augenbrauen“, „Schuhe“ oder „Lebensunterhalt“.

Der Zufall bringt Aventurine schon bald in die Stadt Drachenburg, wo es immerhin drei Schokoladenhäuser gibt. Für das Mädchen ist sofort klar, dass sie dort arbeiten will.

Burgis entwickelt so eine äußerst charmante Entwicklungsgeschichte eines drachenstarken Mädchens. Denn Aventurine lässt sich von den städtischen Eigenheiten und Schwierigkeiten, von hinterlistigen Stadtbewohnern oder arroganten Regierenden nicht einschüchtern. Sie lernt, Freunde zu erkennen und ihnen zu vertrauen, lernt, sich von ihrer Leidenschaft um nichts in der Welt abbringen zu lassen.
Und mit all ihrem Mut, ihrer Neugierde und ihrem unerschrockenen Drachenherz wird Aventurine so zu einem zauberhaften Role Model für junge Leserinnen.
Natürlich vermisst sie durchaus auch ihre Familie, aber sie ist mit so einer gehörigen Portion Resilienz ausgestattet, dass sie abzuwägen weiß und für ihre Leidenschaft bereit ist zu leiden. Aber Fantasy wäre nicht Fantasy, wenn es nicht doch noch ein Happy-End für Aventurine gäbe.

Von Aventurine, die trotz aller Widrigkeiten ihr Drachenherz behält und sich kommenden Herausforderungen unerschrocken stellt, können sich zehnjährigen Mädchen einen gehörigen Riegel Schokolade abbrechen – und sich den Genuss derselben von nichts und niemandem verderben lassen. Nie wieder.

Stephanie Burgis: Aventurine – Das Mädchen mit dem Drachenherz, Übersetzung: Sigrid Ruschmeier, Fischer KJB, 2017, 320 Seiten, ab 10, 14,99 Euro

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Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln

huppertz„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen“, hat Johann Wolfgang von Goethe einst gesagt. Wurzeln, solange sie klein sind, und Flügel, wenn sie größer werden.
Doch was, wenn der leibliche Vater nicht zur Familie gehört? Fehlt dann im Wurzelwerk nicht etwas?

Lisse, 12, vermisst zu Beginn des neuen Romans von Nikola Huppertz erst einmal nichts. Sie lebt mit ihrer Mutter und dem Comiczeichner Jamal glücklich in Hannover. Jamal ist seit elfeinhalb Jahren ihr Vater.
Doch dann erreicht ein Anruf ihre Mutter: Lisses leiblicher Vater Markus ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Und obwohl Lisse ihm niemals begegnet ist, überkommt sie doch die Trauer, die sie selbst an ihrem geliebten Schlagzeug nicht so richtig loswird.
Auch ihre Mutter muss die Nachricht erst einmal verdauen, und da gerade Sommerferien sind, machen sich Mutter und Tochter für ein paar Tage auf und reisen zu den Orten, wo sich Lisses Eltern begegnet sind. Über Berlin und die Müritz geht es nach Rostock und schließlich zum Friedwald, wo Markus‘ Asche unter einem Baum beerdigt wurde.

Im Laufe der Reise erzählt die Mutter von ihrer ersten Begegnung mit Markus, von ihrer Verliebtheit, von Markus‘ Leidenschaft für Musik, von ihrer damaligen Tour an die Ostsee. Lisse erfährt so Einiges über ihren leiblichen Vater und lernt in diesen wenigen Tagen ganz andere Seiten ihrer Mutter kennen. Auf dem Baum-Friedhof schließlich begegnen die beiden dann einem alten Ehepaar und Lisses Leben bekommt eine neue Wendung.

Feinfühlig und emotional packend entwickelt Nikola Huppertz Lisses Geschichte. Der Tod ist kein Tabu, sondern wird hier viel mehr zu einem Auslöser, sich der Vergangenheit und der Komplexität des Lebens zu stellen. Lisse lernt auf vielen Ebenen, was es bedeutet zu lieben, einander, das Kind, die Eltern, den Stiefvater. Und sie kommt mit sich selbst ins Reine, kann die Sommersprossen und die Stupsnase, die sie vermeintlich zu niedlichsten Drummerin der Welt machen, akzeptieren, weil sie begreift, dass sie das genetische Erbe ihres Vaters sind. Ebenso wie ihre Leidenschaft für Musik und das Trommeln. Sie findet ihre Wurzeln, jedoch ohne zu Verzweifeln.
Denn wenn sie auch ihren Vater nicht mehr kennenlernen wird, so treten auf diesem sommerlichen Roadtrip neue Menschen in Lisses Leben, die sie bereichern.

In Huppertz‘ Roman geht es um das große Gefühl der Trauer und wie man ordentlich Abschied nimmt, ganz egal, ob man den Menschen kannte oder nicht. Jetzt könnte man vermuten, Woher ich meine Sommersprossen habe sei ein todtrauriger Roman, doch dem ist nicht so. Denn Huppertz versteht es vorzüglich, die Hoffnung in das Geschehen einzuflechten, in Form einer neuen Freundschaft, durch wunderschöne Naturerlebnisse, durch eine neue Vertrautheit zwischen Mutter und Tochter und durch Lisses Erkenntnis, dass ihr Leben und ihre Familie in Hannover vollkommen ist.

Ich weiß natürlich nicht, wie viele Kinder genau solche Familien-Geschichten und -Konstellationen erleben, doch von Lisse können sie sich so Manches abschauen, sei es, dass Mädchen sehr coole Schlagzeugerinnen abgeben oder dass man seinen Eltern durchaus nervende Fragen über die Vergangenheit stellen sollte, um mehr über sich selbst zu erfahren.
In diesem Sinne ist dieser wunderbare Roman ein Vorbild für die Suche nach den eigenen Wurzeln. Denn auch das gehört zum Erwachsenwerden dazu.

Nikola Huppertz: Woher ich meine Sommersprossen habe, Thienemann, 2017, 176 Seiten, ab 11, 11,99 Euro

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Fridas Universum

 

 

 

 

 

 

 

Wie führt man junge Menschen an das Leben von großen Künstlerinnen heran? Wie kann man deren Neugierde auf das Werk von bereits verstorbene Berühmtheiten wecken?

Zum 110. Geburtstag der mexikanischen Malerin Frida Kahlo ist nun das farbenfrohe und fröhliche Bilderbuch Frida Kahlo und ihre Tiere erschienen, das ein Anfang sein kann. Die Autorin Monica Brown und Illustrator John Parra bringen über Fridas Beziehung zu ihren unzähligen Haustieren den jungen Betrachter_innen Leben und Werk dieser leidgeprüften Frau näher. Sie erzählen von Papagei, Rehkitz, Katze, Klammeraffen, aztekischen Nackthunden und Truthähnen. Sie begleiten die Künstlerin durch Kindheit, Jugend und die von Krankheit geprägten Jahre. Fridas Leiden wird hierbei nur dezent angedeutet, lediglich eine Abbildung zeigt einen Rollstuhl und eine Beinprothese, die erahnen lassen, wie schlimm es um Frida stand.

Die Lebensfreude und die scheinbar unverwüstbar gute Stimmung von Frida stehen hier im Mittelpunkt. Die Malerin wird zum leuchtenden Vorbild, sich von Schicksalsschlägen nicht unterkriegen zu lassen, und zeigt, dass man in guter tierischer Gesellschaft vieles ertragen und vieles erschaffen kann.

Die Bilder unterstreichen dies durch ihre kräftigen Farben: Das typische Blau der Casa Azul zieht sich durch alle Seiten. Begleitet wird es vom Rot von Fridas traditionellen Blusen und dem Grün der mexikanischen Natur, alle Farben sind jedoch etwas abgetönt, sodass Fridas Schmerz durchaus zu erahnen ist. Die Art der Illustrationen deuten aztekisch Kunst und deren Muster an – und macht auf jeden Fall Lust, entweder selbst zum Pinsel zu greifen oder sich noch weiter mit Frida Kahlo zu befassen.

Letzteres war dann bei mir der Fall, und so stieß ich auf die ebenfalls frisch erschienene Graphic Novel der Italienerin Vanna Vinci, Frida. Ein Leben zwischen Kunst und Liebe.
Hier geht es nun wahrlich an die grundlegenden Themen, die Fridas Leben geprägt haben – und die sind nicht unbedingt jugendfrei. Fridas schwerer Unfall mit 18 Jahren und die daraus resultierenden Schmerzen haben ihr Leben durch und durch geprägt. Was sie jedoch nicht davon abgehalten hat, exzessiv zu lieben. Diego Rivera, den berühmten Maler der Murales, wohl an erster Stelle, aber auch andere Männer und Frauen. Frida hat ihre sexuellen Bedürfnisse ausgelebt: zusammen mit anderen, an ihrer Leinwand oder auch nur mit sich selbst. Vinci macht auf jeder Seite deutlich, wie sehr Frida das Leben geliebt und in sich aufgesaugt hat.

Vinci greift dafür zu einem besonderen erzählerischen Kniff. Sie lässt Frida ein Gespräch mit dem Tod führen, in dem sie ihr eigenes Leben reflektiert. So ist auf jeder Seite Frida selbst in ihrer mexikanischen Tracht zu sehen, die ihre kulturelle Identität zeigt und doch auch zu einer Uniform geworden ist, wie sie selbst sagt. Mag man zwischendrin vermissen, dass bestimmte Erlebnisse und Begegnungen nur von Frida selbst erzählt und nicht im Bild gezeigt werden, so merkt man im Laufe der Lektüre, dass genau dies die Persönlichkeit von Frida perfekt spiegelt. Durch die langen Zeiten, die sie an Bett gefesselt war und in denen sie sich vor allem mit sich selbst, ihrem Körper, ihren Schmerzen und der Allgegenwart des Todes auseinandersetzen musste, hat sie zu einer Expertin in Sachen Selbstreferenzialität gemacht.

Und obwohl sich im Universum Frida Kahlos so gut wie alles um Frida Kahlo dreht, ist ihr Leben voll mit historisch wichtigen Lebensgefährten wie Leo Trotzki oder Tina Modotti. Man bekommt den Eindruck, dass Frida in den 47 Jahren ihres Lebens unzählige Leben gelebt hat, so viel ist ihr zugestoßen, so viel hat sie erlebt.
Vielleicht ist es die dauerhafte Präsenz des Todes in ihrem Leben, die sie zu so unbändiger Lebenslust getrieben hat. Auch der Tod, la Santa Muerte, ist in der Graphic Novel ständig präsent, entsprechend des mexikanischen Totenkultes. Er sitzt ihr gegenüber, raucht mit ihr oder zeigt sich in den Schädeln ihrer Haustiere.

Vinci erinnert auf großartige, packende Art an diese schillernde Frau, mit der man mitleidet, die man gleichzeitig für ihre Kunst verehrt und sie um ihren unverfrorenen, selbstbewussten Charakter beneidet. Auch bei Vanna Vinci sind die Farben gedeckt, Rot und Grün dominieren, umrahmt von dicken schwarzen Linien, die sich ausdrucksstark ins Gedächtnis prägen.
Und natürlich deutet Vinci die Kunstwerke Frida Kahlos an, sodass man sich nach Ende der Lektüre diese auf jeden Fall im Original ansehen will.
Besser kann man diese große Künstlerin kaum ehren.

Vanna Vinci: Frida. Ein Leben zwischen Kunst und Liebe, Übersetzung: Christine Schnappinger, Prestel, 2017, 160 Seiten, 22 Euro

Monica Brown: Frida Kahlo und ihre Tiere, Übersetzung: Elisa Martins, Illustration: John Parra, NordSüd, 2017, 40 Seiten, ab 4, 15 Euro

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