Der Kinderbuchblogger-Adventskalender 2017

Nachdem ich neulich an anderer Stelle den Advent fälschlicherweise um eine Woche vorverlegt habe, gibt es nun wirklich etwas vorweihnachtlich Schönes zum Advent zu berichten.

Ab dem 1. Dezember öffnen 13 Kinderbuchbloggerinnen jeden Tag ein Türchen am virtuellen Adventskalender und stellen Euch jeweils ein winterlich-weihnachtliches Kinderbuch vor – und verlosen es.
So könnt Ihr Euch vorweihnachtlich entspannt über schöne Lektüren beraten und inspirieren lassen – und ganz nebenbei auch noch jede Menge engagierte Buchmenschen kennenlernen, die ihre Passion für Bücher mit Euch teilen.

Die Blogtour wird dabei folgende Route nehmen:

1. Dezember bei Kinderbuch-Detektive
2. Dezember bei Kids&Cats
3. Dezember bei Lütte Lotte
4. Dezember bei Papillionis liest
5. Dezember bei Kinderbuch-Detektive
6. Dezember bei Die Bücherwelt von Corni Holmes
7. Dezember bei Favolina & Junior
8. Dezember bei Juli liest
9. Dezember bei Lütte Lotte
10. Dezember bei Buchverzückt
11. Dezember bei Familienbücherei
12. Dezember bei Geschichtenwolke Kinderbuchblog
13. Dezember bei Mint & Malve
14. Dezember bei Kunterbuntes Bücherregal
15. Dezember bei Familienbücherei
16. Dezember bei Letteraturen – also hier!
17. Dezember bei Papillionis liest
18. Dezember bei Kids&Cats
19. Dezember bei Kinderbuch-Detektive
20. Dezember bei Mint & Malve
21. Dezember bei Juli liest
22. Dezember bei Familienbücherei
23. Dezember bei Buchverzückt
24. Dezember bei Kinderbuch-Detektive

Um 0 Uhr des jeweiligen Tages gehen die Blogbeiträge online. Falls Euch das Buch des Tages dann total verzückt und Ihr es gewinnen wollt, müsst Ihr nur innerhalb von 48 Stunden einen Kommentar unter dem jeweiligen Post hinterlassen. Das ist also gar nicht schwer … und wird mit etwas Glück mit einem Buchpäckchen belohnt!

Wir alle freuen uns, wenn Ihr klickt, lest, schaut, kommentiert, weiterempfehlt, verlinkt – oder in Euren Lieblingsbuchladen geht und die vorgestellten Bücher an Weihnachten verschenkt!

Im Netz werden wir auf den bekannten Kanälen (also Facebook, Twitter, Instagram & Co.) unter dem Hashtag #kinderbuchadvent berichten.

Freut Euch auf einen wunderbuchmäßigen Advent & sagt es weiter…

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Kosmos für Kunst

MuseumSoeben hat Ulrike hier Bücher vorgestellt, die jungen Menschen nicht nur Kunst nahe bringen können, sondern auch selbst zu Stift und Pinsel greifen lassen  und – wer weiß – den einen oder anderen Künstler hervorbringen.
Was dann tatsächlich Kunst ist, darüber lässt sich vortrefflich streiten. Und wo kann man das besser als im Museum? Wo sich ganz viele Bilder, Objekte und Installationen befinden, die als Kunst gelten, weil sie sich in einem besonderen Gebäude befinden, auf dem fett Museum steht. Und wo ganz viele Menschen die Werke betrachten können.

Aber was ist ein Museum? Und: Wie kommt die Kunst ins Museum? Diese Fragen beantworten die Kuratoren und Kunsthistoriker Ondřej Chrobák, Rostislav Koryčánek und Martin Vaněk unter anderem in ihrem erstaunlichen, gleichnamigen Wimmelsachbuch.

Dies ist kein klassisches Kunstbuch mit Künstlerbiografien oder Darstellung von Epochen und Richtungen. Hier wird die Institution Museum als besonderer Kosmos mit vielen Beteiligten gefeiert. Und man spürt auf jeder der von David Böhm mit viel subtilem Witz illustrierten, teils auf Panoramabreite aufklappbaren Seiten die Begeisterung der Autoren für ihre Arbeit und Museen an sich. Dabei haben sich die tschechischen Kunstkenner nicht auf ein tatsächliches Gebäude kapriziert, sondern vom Architekten Svatoplik Sládecek einen puristischen Kubus, eine kühne Spielfläche für die Kunst, entwerfen lassen.

Ob man etwas über Kultur und Geschichte lernen möchte, endlich die Originale zu hundertfach gesehenen Reproduktionen sehen oder einfach nur vor dem Regen und Lärm flüchten möchte – gute Gründe für einen Museumsbesuch gibt es diverse. Mindestens ebenso vielfältig sind die Leute, die in einem Museum arbeiten und es am Laufen halten: Von der Kuratoren über die Öffentlichkeitsarbeit bis zum Restaurator und zur Raumpflegerin – ihre Aufgaben werden anschaulich und pointiert erklärt. Die Autoren zeigen, wie sie alle zusammen arbeiten und und jede und jeder wichtig ist, um eine Ausstellung auf die Beine zu stellen.

Denn es reicht noch lange nicht, dass ein Museum Kunstwerke sammelt und hortet, sei es durch Kauf, Schenkung, Leihgaben oder Nachlässe. Es geht vor allem darum, diese Werke lebendig zu präsentieren, sei es, indem man sie in einen klugen Kontext präsentiert oder sie in einem ungewöhnlichen Licht und neuen Blickwinkel ausstellt. Kunst entsteht im Auge des Betrachters: Für einige ist Kunst die täuschend echte Wiedergabe von Gesehenem und offensichtliche Kunstfertigkeit in der Pinselführung. Andere sind von in Formaldehyd eingelegten Tieren, riesigen Spinnenskulpturen oder kuriosen Kettenreaktionen fasziniert. Und hinter einem ungemachten, versifften Bett, wie es die englische Künstlerin Tracey Emin 1998 in eine Galerie stellte, kann sich eine dramatische und berührende Geschichte verbergen.

Museen sind vieles: bunt, streitbar, verstörend, unterhaltsam, spannend, erhellend – nur eins sind sie in den seltensten Fällen: langweilig.

Auf den letzten Seiten fordern die Autoren ihre Leser noch einmal heraus: In einem Glossar zeigen sie die Werke, die im Buch vorkommen. Bilder und Skulpturen aus allen Epochen, von einer Fruchtbarkeitsstatue über Meisterwerke wie Botticellis Venus, Caravaggios Rosenkranzmadonna oder van Goghs Sternennacht zu modernen Klassikern von David Hockney, Mark Rothko und Otto Dix bis zum Streetartkünstler Keith Haring und den witzigen Zeichner David Shrigley – alle bezaubernd und variationsreich wiedergegeben vom Illustrator David Böhm. Wo sich alle diese Kostbarkeiten befinden, das kann jeder Leser selbst herausfinden. Dabei spielt das Buch eine große Rolle: Es ist nämlich nicht nur ein raffiniertes Kunstwerk für sich, das spielerisch das schafft, was gute Kunst ausmacht: die Welt und in dem Fall insbesondere das Museum aus einem neuen Blickwinkel zu sehen.
Vor allem aber gelingt ihm eins: Es nimmt die Schwellenangst. Denn es gibt soviel zu sehen und zu entdecken.

Ondřej Chrobák/Rostislav Koryčánek/Martin Vaněk: Wie kommt die Kunst ins Museum, Illustrationen: David Böhm, Übersetzung: Lena Dorn, Karl Rauch Verlag 2017, 62 Seiten, ab 8, 20 Euro

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Den Blick schärfen, die Kreativität fördern, Kunst machen

Gerade ist – wieder mal – ein Gemälde eines alten Meisters für eine Unsumme versteigert worden, obwohl die Urheberschaft anscheinend nicht eindeutig geklärt ist und sich da ein potenter Käufer vielleicht gar keinen echten Leonardo Da Vinci zugelegt hat. Kunst ist eben ein ziemlich macht- und geldgetriebenes Geschäft geworden. Was aber auch wieder zeigt, dass Kunst in unserem Leben einen (ge)wichtigen Stellenwert einnimmt. Was mich zu der Frage bringt: Wie führt man Kinder an die Kunst und ihre Vielfältigkeit heran?

Selbst malen ist wahrscheinlich der beste Weg, kleine Menschen mit Kunst vertraut zu machen. Neben der Fähigkeit einen Stift zu halten, gehört dann aber auch das genaue Hinsehen und Beobachten dazu. Denn wer aufmerksam hinschaut, bringt irgendwann auch Wiedererkennbares aufs Papier.
Ganz spielerisch geht die Berliner Illustratorin Marion Goedelt an diese Herausforderung ran. Sie verwandelt die eigentlich immer etwas spießig und unkreativ daherkommenden Zahlenbilder – bei den man also durchnummerierte Punkte zu einem Objekt verbinden muss – in ein aufregendes Entdeckungsabenteuer.

Angelehnt an da Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist …“ wiederholt sich auf jeder Doppelseite dieser Satz, ergänzt durch etwas, das herausgefunden werden soll, beispielsweise etwas Spaciges, Schleimiges, Gruseliges oder Gefährliches. Auf wunderschön aquarellierten oder mit Wachsmalfarben gestalteten Hintergrundbildern müssen die kleinen Künstler nun das Werk vervollständigen. Die schrägen Figuren, die bei den Zahlenbildern entstehen, sind nicht leicht vorherzusehen (auch für Erwachsene nicht). Was die Angelegenheit dann auch noch spannend macht.
Und hat man mit einem dünnen Bleistift (meine Nichte und ich haben uns erst gar nicht getraut, dicke Filzer zu nehmen) alle Punkte verbunden, geht der Spaß noch eine Runde weiter, denn nun müssen die Gesellen mit dicken Stiften und bunten Farben weiter zum Leben erweckt werden. Die Endergebnisse verwandeln dieses so schon charmante Malbuch dann in ein ganz feines, wertvolles Einzelstück.

Ist nach diesem ersten Malabenteuer dann der Schritt zum genauen Hingucken und angeleitetem Zeichnen vollzogen, stellt sich oft die Frage: Wie bekommt man die Figuren und Gegenstände auf den Bildern so hin, dass sie witzig, dynamisch und mehr oder minder realistisch aussehen?
Der Münchner Comic-Zeichner Ja Reiser hat dafür nun, seine Strich-und-Farben-Kolumne, die zwei Jahre lang in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, zu einem knallbunten Anleitungsbuch zusammengefasst.
In seinem comic-artigen Stil zeigt er zunächst einmal alles, was man zum Zeichnen benötigt, neben Papier, Stifte und Farben, eben auch Anspitzer und Radiergummi, sowie einen passenden Stuhl, damit man beim Zeichnen keine Rückenschmerzen bekommt. Immer wieder eingeflochten sind dann kurze Kapitel über Grundlagen des Zeichnens, also Erläuterungen zu Licht und Schatten oder der Perspektive.

Reisers Sammlung von Motiven – Tiere, Menschen und Fahrzeuge aller Art – liefert unzählige Vorschläge, was alles gezeichnet werden kann. Dabei macht er durch den Aufbau einer Seite klar, dass nicht einfach drauflos gekritzelt wird, sondern, dass man jedes Motiv zunächst einmal genau betrachten sollte und es dann in seine Formen zerlegt. Diese zeichnet man vor und fügt schließlich die Details hinzu. Um den typischen Ligné-claire-Stil der Comics hinzubekommen, werden die Umrisse dann mit Schwarz nachgezogen und erst ganz zum Schluss werden die Motive bunt koloriert. Das mag für angehende Comic-Zeichner vielleicht erstmal frustrierend sein, macht ihnen jedoch bereits von Anfang an klar, dass es eben kein Kinderspiel ist, einen richtig guten Comic zu zeichnen.

Wem der humoristische Comic-Stil dann doch nicht so liegt, sondern wer sich völlig frei auf dem Zeichenblatt bewegen will, der findet eine überaus großartig Anregung bei Marion Deuchars. In ihrem fast DIN-A-4-großen Wälzer Malen und zeichnen wie die großen Künstler stellt sie 18 Künstler_innen vor, von Joan Mirò, Salvador Dalí, Frida Kahlo oder Andy Warhol bis zum Japaner Hokusai.

In kurzen Texten erläutert sie den besonderen Stil des jeweiligen Künstlers und lädt dann sofort zum Nachmachen ein. So entstehen auf dickem, ungebürstenem Papier kubistisch inspirierte Stillleben, Collagen, Selbstportraits, Kalligramme, Menschen und Tiere, Kreise und Dreiecke, Selbstportraits und Tintenkleckszeichnungen.

Auch hier wird wieder genau hingeschaut, beispielsweise bei den mexikanischen Glyphen oder bei den Unterschieden von zornigen oder fröhlichen Bleistiftstrichen. Und bei all dem entfaltet sich vor den Augen der Betrachter_innen die ganze Vielfältigkeit der Kunst und ihre Sinnhaftigkeit. Dabei zeigt auch das Beispiel der australischen Aborigine Emiliy Kngwarreye, dass man für künstlerische Betätigung nie zu alt ist (sie begann mit 80 Jahren zu malen). Ihr Rückgriff auf die eigenen Traditionen und die eigene Lebenswelt beweisen anschaulich, dass auch ein einfacher Stock zu einem Kunstwerk werden kann.

Nach der Beschäftigung mit diesem Buch, das selbst ein Kunstwerk ist, schaut man seine eigene Umwelt definitiv mit anderen Augen an. Man entdeckt, was in Haus und Garten alles für die Erstellung von Kunstwerken genutzt werden kann. Beim Malen, Zeichnen, Kleben, Ausschneiden, Zusammensetzen, Kolorieren und Ausdenken entsteht so ein sinnliches Erlebnis, das weitaus mehr befriedigt, als so manch andere passive Freizeitbeschäftigung. Hier bekommen die Synapsen im Hirn richtig Futter – und vielleicht findet der oder die kleine Künstler_in ganz nebenbei ihren eigenen Stil und ihre eigene Leidenschaft.

Marion Goeddelt: Ich sehe was, was du nicht siehst. Zahlenbilder zum Verbinden, Aus- und Weitermalen, Tulipan, 2017, 40 Seiten, ab 6, 10 Euro

Jan Reiser: Strich und Farben – Die große Zeichenschule, 96 Seiten, ab 8, 14,99 Euro

Marion Deuchars: Malen und Zeichnen wie die großen Künstler, Übersetzung: Claudia Koch/Kathrin Lichtenberg, Midas, 2. Aufl. 2015, 240 Seiten, ab 10, 24,90 Euro

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Bitterer Honig

Erster Teil: Lill-Miriam versteckt sich auf dem Dachboden ihrer Schule. Der Alarm heult, Sirenen schrillen, bohren sich wie Granatsplitter in ihren Kopf: „Die Geräusche zerquetschen mein Gehirn.“ Sie beobachtet durch die Dachluke, wie ihre Mitschüler von Menschen in weißen Schutzanzügen in Busse gescheucht und weggefahren werden. Sie versteht nicht, was vor sich geht. Sie ist nicht wie die anderen, lässt sich nicht wie Schlachtvieh abtransportieren. Sie identifiziert sich mit einer Biene. Ihr Versteck ist ihre sichere Wabe. Sie kennt sich gut aus mit Insekten, insbesondere Bienen, deren soziale Ordnung und Fähigkeiten sie bewundert. Und deren Honig sie liebt. Süßes gegen die Bitterkeit. Sie denkt nach, assoziiert, erinnert sich, auch an das, was ihre Mitschülerinnen ihr angetan haben, und an den Jungen, der sie gerettet hat.

Zweiter Teil: Auch Susan erinnert sich an das, was sie den „Vorfall“ nennt. Sie war eine der Peinigerinnen. Sie ahnt, dass Lill-Miriam sich jetzt in großer Gefahr befindet. Es hat einen Giftgasunfall in der Fabrik gegeben, die Schule und alle umliegenden Gebäude wurden evakuiert. Sie hat gesehen, dass Lill-Miriam nicht wie die anderen nach draußen gerannt, sondern gegen den Strom gelaufen ist, hat die angsterfüllten Augen des Mädchens gesehen. Augen, die sie an ihre Schuld erinnern. Kann und soll sie jetzt versuchen, Lill-Miriam zu helfen?

Dritter Teil: Auch Ruben sorgt sich um Lill-Miriam. Er denkt an ihre erste dramatische Begegnung, dem noch einige ganz besondere Momente folgten. Lill-Miriam ist anders. Eine Außenseiterin, wie auch er, der erst vor einigen Jahren von Kuba nach Norwegen gezogen ist, in die Heimat seines Vaters. Er versucht, das Mädchen zu verstehen, sich in sie hineinzuversetzen, um sie zu finden.

Drei Charaktere, drei Perspektiven, drei verschiedene Gedankenwelten, die alle miteinander verbunden sind.

Die norwegische Autorin Marit Kaldhol hat in ihrem nur rund 200 Seiten langen Roman Zweet grandios sehr unterschiedliche Themen und Genres verknüpft. Da ist zum einen das außergewöhnliche Mädchen, traumatisiert durch eine fast tödliche Mobbingattacke, das sich in die Welt der Bienen hineindenkt und hineinflüchtet, und die lebenswichtigen Bestäuberinnen vor dem Aussterben retten will.

Ihre assoziativen Gedankenketten lesen sich wie ein expressionistisches Gedicht, der Text ist entsprechend gesetzt, Kapitelüberschriften gleichen Gedichttiteln, dazu kommen zahlreiche wissenschaftliche Fußnoten zu in diesem Kontext vieldeutigen Begriffen wie „Imago“, „Biodiversität“, „solitär“ oder „CCD – Collapse Disorder“.

Lill-Miriams Sorge um die Bienen erinnert an Kaldhol vorherigen Roman Allein unter Schildkröten, wo ein Junge an seiner Verzweiflung über fortschreitende Umweltzerstörung und das Sterben der Meeresschildkröten zerbricht.

Besondere Ironie dieser neuen Geschichte ist, dass die Insekten wahrscheinlich infolge von versprühten Insektiziden die Orientierung verlieren und aussterben könnten. Und Lill-Miriam in der Schule an ausströmenden Giftgas zu sterben droht.

Susan ist es bisher gelungen, sich in der Gruppe zu verstecken, und konnte so das Gefühl der Verantwortung für ihr Handeln verdrängen. Mit ihrer Figur zeigt Kaldhol die gruppendynamischen Prozesse, die zum Mobbing führen, manche zu Tätern und andere zu Opfern machen: „Sie war anders als wir. Wir konnten es nicht leiden, dieses Anderssein. Dass sie war, wie sie war. So verdammt sie selbst.Es hat uns tierisch gestört, ihr Anderssein.
Wir waren ihr egal, sie bestimmte selber. Und sie war allein.
Was hat uns eigentlich daran gestört?“

Anderssein als Provokation. Es provoziert diejenigen, die fühlen und wissen, dass auch sie anders sind, andere Bedürfnisse und Träume haben, sich aber nicht trauen, auszubrechen und diese auszuleben. Weil es viel einfacher ist, mit dem Strom zu schwimmen, sich in der Masse zu verstecken. Alleinsein halten viele nicht aus, fühlen sich gleich einsam, isoliert, schwach. Sie sind neidisch auf das, was sie vorgeblich so verachten. Susan ist aber einfach nicht dumm und abgestumpft genug, um weiterzumachen wie bisher. Schon bei der Beschreibung ihrer Eltern zeigt sich, wie empfindsam sie ist und wie klug sie sich und andere Menschen einschätzt, wofür Kaldhol ihr starke Bilder zuschreibt: „Sie reden nie mit mir, immer nur zu mir. Mama könnte genauso gut ganz woanders sein. Sie sieht mich nicht an. Ihre bittersüße Nörgelstimme stinkt.“ Und ihr Verantwortung leugnender Vater kocht „hirnlosen Fraß“. „Was bitte schön ist der Sinn dieser Familie?“

Und dann ist da Ruben. Poetisch, mit viel Wärme erzählt er von seiner früheren Heimat Kuba, seiner Großmutter, und wie sehr ihn die Insel geprägt hat. Er denkt an das besondere Mädchen, das er schlicht Miriam nennt, was weicher klingt. Obwohl es kaum einmal zu einer Berührung zwischen ihnen gekommen ist, waren sie sich bereits sehr nah. Sie haben zusammen Honig geschleckt, sich Geheimnisse anvertraut, ihr Inneres geöffnet. Ruben bündelt seine Liebe zu Miriam in einem Wort, das niemandem im Zusammenhang mit ihr als erstes einfallen würde: süß. Anders gesagt: Du bist zweet. Es könnte der Beginn einer besonderen Liebe werden …

Elke von Berkholz

Marit Kaldhol: Zweet, Übersetzung: Maike Dörries, mixtvision, 2017, 196 Seiten, ab 14, 12,90 Euro

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Das Ich, die Bakterien und die Zwänge

Er ist wieder da: der großartige, liebenswerte John Green! Wie nun schon seit Monaten lange bekannt und sehnlichst erwartet, ist jetzt sein neuer Roman erschienen.
Ich gebe zu, ich habe mich gefreut, als ich davon hörte, war aber auch erst einmal skeptisch, ob Green die unglaublich Hypothek seines vorherigen Romans Das Schicksal ist ein mieser Verräter würde stemmen können.

Er kann. Und wieder einmal auf eine sehr anrührende Weise.
In Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken, in der wieder einmal vorzüglichen Übersetzung von Sophie Zeitz, schildert er die Geschichte der etwa 17-jährigen Aza. Das Mädchen leidet an psychischen Zwangsneurosen: Sie hat eine schier unbändige Angst vor körpereigenen Bakterien. Das Mikrobiom, also der Bakteriencocktail, den jeder Mensch im Darm trägt und der lebenswichtig ist, ist ihr unheimlich. Aza fürchtet beständig, sich mit dem – in seltenen Fällen gefährlichen – Bakterium Clostridium difficile zu infizieren. Der Druck, der sich durch diese Angst in ihr aufbaut, kündigt sich mit Gedankenspiralen an, die sie meist nicht mehr stoppen kann und die sich dann darin entladen, dass sie eine Wunde am Mittelfinger immer wieder aufknibbelt. Diese muss sie dann desinfizieren und mit einem neuen Pflaster versorgen, oft mehrmals am Tag. Alles in allem ein nervenaufreibendes Unterfangen.

Als sie ihren Kinderfreund Davis wiedertrifft und sich zwischen den beiden eine Beziehung anbahnt, überträgt sich ihre Bakterienphobie selbst auf den Akt des Küssens und den Austausch von Speichel. Und schon ist Aza wieder in der Spirale zwischen Bakterien, C. difficile, Horrorvorstellungen und Todesängsten. Das geht soweit, dass sie nicht davor zurückschreckt, sogar Desinfektionsmittel zu trinken.

Diese Zwangsstörung verpackt John Green in einen äußeren Plot, in dem Davis‘ milliardenschwerer Vater spurlos verschwindet. Anfangs versucht Aza zusammen mit ihrer quirligen Freundin Daisy, Hinweise auf den Verbleib des Milliardär zu finden. Sie könnten nämlich die ausgeschriebene Belohnung ganz gut gebrauchen. Über dieses erzählerische Vehikel, das als Plattform für Azas eigentliche Geschichte dient, braucht man kein Wort mehr verlieren.

Denn bei allem ist Aza der struppige Star. Als Ich-Erzählerin holt sie die Leser_innen tief in ihr Inneres, und genau da leidet man mit ihr mit, erkennt sich in manchen Momenten wieder. Denn jeder von uns kennt sicher die Momente, in denen wir das Gedankenkarussell nicht mehr stoppen können und uns immer tiefer in unrealistische Vorstellungen reinreiten. In einem gewissen Maß ist das auch „nicht ungewöhnlich“, wie Azas Therapeutin immer zu sagen pflegt.
Doch Aza zeigt, wie sehr die Gedanken ein Eigenleben annehmen können. Das gipfelt bei ihr dann nicht nur in Angst und Selbstverletzung, sondern nimmt wunderbar philosphische Züge an, wenn sie über das Ich nachgrübelt und durch was es gebildet wird: Ist es der eigene Körper? Sind es die Gedanken? Oder ist der Mensch doch beherrscht von den Milliarden Mikroorganismen, die in und auf ihm leben, ohne die er jedoch nicht überleben würde? Aza dreht und dreht sich, kreiselt um sich und riskiert dabei nicht nur sich selbst zu verlieren, sondern auch ihre beste Freundin Daisy.

John Green, der 2014 vom Times Magazin zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt wurde, gelingt es mit seinem leichten Ton den Blick auf die Qualen von psychisch kranken Menschen zu lenken. Er zeigt eindeutig, dass sie nicht an ihrer Krankheit schuld sind, dass sie zwar manchmal anstrengende Freunde und Mitmenschen sein können, die sich vermeintlich immer nur um sich selbst drehen. Doch trotz allem sind diese Menschen liebenswert und sollten jede professionelle Hilfe bekommen, die es nur gibt. Dies ist grade in den USA, wo das Gesundheitssystem nicht so gut ausgebaut ist wie bei uns, schwieriger.
Umso mehr plädiert Green für Offenheit im Umgang mit psychischen Krankheiten – und er weiß, wovon er schreibt, leidet er doch selbst an einer Angststörung.

So wird Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken zu einem berührenden Aufruf, sich als Betroffene_r professionelle Hilfe zu suchen und sich nicht in sich zurückzuziehen. Der Aufruf, offen über immer noch tabuisierte psychische Krankheiten zu sprechen, ergeht jedoch an beide Seiten: Die Betroffenen werden ermutigt, von sich zu erzählen, die Familien, Freunde und die Umwelt wird ermahnt, diese Menschen nicht zu stigmatisieren, sie nicht zu gängeln, sie nicht in irgendwelche Schubladen zu stecken, sondern sich mit ihnen auf Augenhöhe auseinanderzusetzen.

Psychisch erkrankte Leser_innen, egal, ob jung oder alt, werden sich hier wiedererkennen und vielleicht neuen Mut und neue Hoffnung schöpfen. Alle anderen werden sensibilisierter aus der Lektüre hinausgehen. Und damit schafft John Green dann etwas wirklich Großes: Er macht die Welt um ein gutes Stück besser!

John Green: Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken, Übersetzung: Sophie Zeitz, Hanser, 2017, 288 Seiten, ab 13, 20 Euro

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Alles eine Frage der Abhärtung

Gerade fallen wieder alle Blätter von den Bäumen, die Laubbläser nerven, und die Wolken nässen nun noch öfter vom Himmel als sonst schon. Es ist die Zeit, in der Mützen, Schals, lange Unterhosen und Wollsocken rausgekramt werden und man wieder dem Zwiebellock frönt. Hauptsache nicht verkühlen.

Das passt Pauli  und seinen Freunden im neuen Kurzroman von Melanie Laibl so gar nicht. Darin überlegen die cleveren Grundschüler sich, wie sie das ganze Wollzeugs und die Unterwäsche des Grauens wieder los werden. Da man gemeinsam stärker ist als allein und auch zusammen mehr bewegt, gründen sie den Verein Verkühl dich täglich. 

Und dann geht es los: In ihrem Vereinslokal, der Terrasse des Eissalons Titanic, treffen sich die Kids und entledigen sich der kratzenden Wärmeschicht. „Kalt? Uns? Niiie!“ wird ihr Schlachtruf und toben leicht bekleidet durch den Park und die Straßen.
Dass die Erwachsenen sofort mit Gegenmaßnahmen – heißes Bad, Hokuspokus-Grippekügelchen, Lebertran und Hühnersuppe – kontern, stachelt den Ehrgeiz der Vereinsmitglieder noch zusätzlich an. Nun heißt die Herausforderung, den Erwachsenen zu zeigen, dass man sich auch ohne Wollzeugs nicht erkältet. Zum Beweis messen Pauli & Co täglich Fieber und wollen mit ihrem Verein berühmt werden. Dafür machen sie sogar einen Ausflug in die Supermarkttiefkühltruhen, was in der Lokalpresse Erwähnung findet.
Nur die Heiße Hilde vom Imbissstand hält die Kinder nicht auf, sondern unterstützt sie mit einer Thermoskanne voller Wundertrank …

Melanie Laibl ist hier ein kleiner feiner und wunderbar anarchischer Roman gelungen, der jedem Erwachsenen die  Haar zu Berge stehen lassen wird. So wage ich als Tante es kaum, diese Geschichte meinem Neffen vorzulesen, der ein würdiges Mitglied im Verein Verkühl dich täglich wäre, läuft er doch selbst zu dieser nassen Jahreszeit am liebsten noch in kurzen Hosen rum und reißt sich beständig die Mütze vom Kopf. Diesem Widerstandsgeist auch noch Vorschub zu leisten, damit tue ich mich schwer.

Aber dennoch ist es genau das, was so großartig an diesem Buch ist: Kinder, die sich nicht so leicht von Eltern und Großeltern einschüchtern lassen, die kreativen Widerstand leisten und der Überbesorgnis der Erwachsenen ein Schnippchen schlagen, schließe ich sofort ins Herz und jubele über diese wunderbare Chupze.
Und genau aus diesem Grund werde ich damit die nächste Vorleserunde bei Nichte und Neffe einleiten und einen kleinen rebellischen Samen bei ihnen aussäen.

Laibls klare Sprache gepaart mit einem trockenen Humor und die beständige Auflockerung des Textes durch die knuffigen Illustrationen von Susanne Göhlich bieten auch Erstlesern einen Anreiz, sich selbst in dieses Leseabenteuer zu stürzen.
Die Folgen sind dann nur noch eine Frage der Abhärtung.

Melanie Laibl: Verkühl dich täglich, Illustration: Susanne Göhlich, mixtvision, 2017, 80 Seiten, ab 7, 12,90 Euro

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Facetten einer Flucht

fluchtflucht

 

 

 

 

 

 

 

Während die Politiker mal wieder um die Aufnahme von Flüchtenden streiten und mithilfe des Begriffes „Flüchtlingskontingent“ eine Obergrenze verschleiern wollen, erinnern momentan zwei ganz unterschiedliche Bücher lebhaft daran, dass ein großer Teil der Generationen unserer Eltern, Groß- und Urgroßeltern ebenfalls flüchten musste und Aufnahme bei Fremden fanden. Dieses Mal geht es jedoch nicht um die Geflüchteten aus dem ehemaligen Ostpreußen, Pommern und Schlesien, sondern um die, die versucht haben, sich über die Pyrenäen nach Spanien in Sicherheit zu bringen.

In seinem neuen Roman Der Pfad schildert Rüdiger Bertram das Schicksal des 12-jährigen Rolf. 1941, während in Europa der Krieg tobt, gelangen Rolf und sein Vater Ludwig, ein Journalist aus Berlin, nach Marseille. Von dort wollen sie mit gefälschten Papieren über die Pyrenäen nach Spanien flüchten, um von dort über Lissabon schließlich nach New York zu reisen, wo bereits Rolfs Mutter auf die beiden wartet. Auch der kleine Terrier Adi, an dem die beiden sehr hängen, soll mit.

„Das ist nur ein längerer Spaziergang“, erklärt Ludwig seinem Sohn anfangs. Doch schnell merken die beiden, dass es nicht so einfach wird, wie man sich so eine vermeintlich entspannte Wanderung über die Berge vorstellt. Schon in Marseille und im Zug nach Banyuls-sur-Mer geraten sie immer wieder in Kontrollen und Razzien. Obwohl sie in dem Teil Frankreichs unterwegs sind, der nicht von den Deutschen besetzt ist, tauchen auch hier immer wieder Nazischergen auf, die Jagd auf Flüchtende machen. Und so kommt es, dass schließlich Rolf mit seinem jugendlichen Bergführer Manuel allein über die Berge flüchtet. Mehr möchte ich hier nicht verraten, denn es nähme die Spannung.

Denn Bertram gelingt es in diesem Werk, die eigentlich eher schlichten Eckdaten einer Flucht von A nach B mit unerwarteten Wendungen und gefährlichen Begegnungen fiktiv so anzureichern, dass man dem Schicksal der Jungs atemlos folgt. Die Bedrohung durch die Nazis ist selbst in den einsamen Bergen nicht gebannt. Die Natur selbst zeigt sich als nicht zu unterschätzende Macht. Geschickt webt Bertram zudem den Widerstand der Partisanen gegen die Besatzer ein, sodass ein komplexes Bild jener Zeit entsteht.

Bertram, der für die Recherche den Pfad über die Pyrenäen, den Walter Benjamin und Heinrich Mann erklommen, selbst gewandert ist, weckt mit diesem Roman nicht nur das Geschichtsbewusstsein seiner junge Leser_innen, sondern verweist so natürlich auch auf die aktuelle Situation all der Flüchtenden, die heute immer noch auf dem Weg in eine sicherere Welt sind. Und die man ohne jede Einschränkung empfangen sollte.

Eine völlig andere Herangehensweise hingegen hat die Illustratorin und Literaturwissenschaftlerin Pei-Yu Chang gewählt. Sie erzählt in ihrem Bilderbuch Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin vom Schicksal des Philosophen Walter Benjamin. Auch er flüchtete über die Pyrenäen, nachdem er bereits 1933 nach Paris emigriert war. Chang zeigt, wie deutsche Soldaten unter anderem all die Menschen verhaften, die außergewöhnliche Ideen haben. Denn diese sind gefährlich. Die gesichtslosen Männchen mit Helm und Gewehr bilden die dumpfe Masse gegenüber den Andersdenkenden und dem genialen Denker Benjamin.

Doch Benjamin, dargestellt mit Nickelbrille, Schnurrbart und einem hohen runden Hut, findet Hilfe bei Lisa Fittko, die ihn zusammen mit anderen Flüchtenden über die Berge bringen wird. Kein Gepäck, lautet die Ansage, damit die Wanderer nicht auffallen. Nur hält sich Herr Benjamin nicht daran und schleppt einen großen Koffer mit. Denn der Inhalt darin ist für ihn das „Allerwichtigste“ und „kann alles verändern“.

Herr Benjamin schafft es über die Berge, wird aber laut Chang von den Grenzsoldaten abgewiesen. Danach verschwindet der Philosoph – und das Rätselraten um den Inhalt des Koffers beginnt. Dieses Rätsel, das auch heute noch die Menschen beschäftigt, wird wohl für immer ungelöst bleiben. Genauso, wie die exakten Umstände von Benjamins Tod.

Den Betrachter_innen dieses collagehaften Bilderbuches werden sich jedoch Unmengen an Fragen stellen. Angefangen bei, wer war Herr Benjamin und wieso ist er verschwunden, bis hin natürlich, was war in dem Koffer? Die Vorschläge zum Inhalt, die Chang liefert – über philosophische Theorien, eine Geheimwaffe oder köstliche Leckereien aus der Heimat – werden das Rätselraten weiter anheizen und führen dabei schon fast spielerisch in die Disziplinen der Philosophie ein: Was steckt hinter einer Idee, einer Vorstellung? Warum sind Ideen gefährlich? Was ist wichtig: das Immaterielle oder das Materielle? Was ist das Allerwichtigste im Leben? Und darüber hinaus.

Vieles wird kleinen Betrachter_innen inhaltlich vermutlich unverständlich bleiben. Doch auf der Bildebene gibt es für sie so einiges zu entdecken und zu schauen. Den erwachsenen Vorleser_innen bietet sich hingegen eine tiefgründige Anregung, sich mit Benjamin und den Zuständen des Lebens auseinanderzusetzen.

Und genau solche rätselhaften Werke sind es oftmals, die Groß und Klein meist nachhaltiger beeindrucken, als es im ersten Moment erscheint. Sie hallen lange nach, prägen unbewusst und machen nachdenklich – über vieles im Leben. In genau diese überaus wichtige Kategorie gehört das Bilderbuch von Pei-Yu Chang.

Rüdiger Bertram: Der Pfad, Illustration: Heribert Schulmeyer, cbj, 2017, 237 Seiten, ab 12, 12,99 Euro

Pei-Yu Chang: Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin, NordSüd Verlag, 48 Seiten, ab 4, 18 Euro

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