Von fremden Welten

Zugegeben, ich liebe Atlanten. In Momenten, in denen ich nicht durch unbekannte Gefilde fahren oder wandern kann, bieten mir die geografischen Karten unendliche Möglichkeiten, auf Reisen zu gehen. Dann durchstreife ich fremde Städte, erklimme Gebirgszüge, folge Küstenlinien und Flussläufen. Manche Orte, an denen ich schon mal war, erkenne ich wieder (es sind die wenigsten). Alle anderen befeuern meine Fantasie und die Sehnsucht, vielleicht einmal dorthin zu gelangen.

Ähnliches ist mir jetzt mit einem sehr ungewöhnlichen und sehr schönen Atlas passiert, dem Atlas der fiktiven Orte. Hier gibt es „Karten“ der anderen Art. Sie zeigen keine realen Orte, sondern – wie der Titel schon sagt – 30 erfundene Städte, Länder und Welten aus Literatur, Theater, Film und Fernsehen. Es handelt sich dabei um collageartige Illustrationen von Steffen Hendel, die den Leser nach Avalon, Xanadu, Springfield, aber auch Gondor und auf die Schatzinsel entführen. Die Illus setzen sich aus Fotos, Grundrissen, realen Flussläufen und grafischen Elementen zu Fantasiekarten zusammen. Viele kleine, überraschende Details entdeckt man erst bei genauem Studium.

Die Karten und die zugrundeliegenden Werke erläutert der Komparatist Werner Nell. In seinen literaturwissenschaftlichen Aufsätzen ordnet er die Bedeutung der Orte in der jeweiligen Geschichte ein, referiert kurz deren Inhalt und stellt Bezüge zu anderen Werken, Genres und gesellschaftlichen Phänomenen her. So regen nicht nur die Karten zum fiktiven Reisen an, sondern auch Nells Analysen und Interpretationen beinhalten jede Menge Entdeckungspotential. In seiner Kombination aus Text und Illustration führt dieser Atlas dem Leser eindringlich vor Augen, dass der Mensch mit seiner Fähigkeit, sich fiktive Geschichten auszudenken, auch seinem tiefen Bedürfnis Ausdruck verleiht, eigene Welten zu erschaffen. So kann er immerhin im literarischen Rahmen ein bisschen Gott spielen.

Genau diese einzigartigen Welten jenseits unserer Realität tragen neben den Handlungen und den Figuren maßgeblich zur Faszination der Bücher, Theaterstücke oder Comics bei, die wir täglich verschlingen. Wir träumen uns weg oder freuen uns diebisch, wenn wir unsere Alltäglichkeiten dort gespiegelt oder aufs Korn genommen vorfinden. So habe ich in diesem Atlas alte Bekannte aus der Kindheit getroffen wie Lummerland und Entenhausen, bin mal wieder auf den Zauberberg gestiegen, habe Metropolis von einer anderen Seite kennengelernt und bin dann in die unbekannten Sphären von Utopia und der Sonnenstadt vorgedrungen. So ein Buch hätte ich mir zu Studentenzeiten gewünscht, als mein strukturalismusfixierter Professor über Orte in der Literatur monologisierte, ohne das der Funke für Literatur übersprang. Anregend geht anders, wie dieses Kompendium zeigt.

Als Nebenwirkung der gerade erlebten Fantasiereisen muss ich jetzt mit dem dringenden Bedürfnis leben, so schnell wie möglich auch die Originaltexte zu lesen, die ich bis jetzt noch nicht kenne. All die fremden Welten muss ich jetzt unbedingt selbst erkunden. Für ein Buch, das so etwas in mir auslöst, bin ich den beiden Autoren sehr dankbar.

Werner Nell/Steffen Hendel: Atlas der fiktiven Orte. Utopia, Camelot und Mittelerde. Eine Entdeckungsreise zu erfundenen Schauplätzen, Meyers, 2011, 160 Seiten, 29,95 Euro

Mitten ins Schwarze

Mit Bogenschießen habe ich bis jetzt eigentlich nicht so richtig etwas anfangen können. Ich weiß, dass es das gibt, dass es auch die östliche Variante des Zen-Bogenschießens gibt, aber das war’s auch schon. Doch dann landete das Sachbuch Mein Pfeil- und Bogenbuch von Wulf Hein bei mir, und ich wurde darauf gestoßen, wie sehr Pfeil und Bogen Teil des menschlichen Zivilisationsprozesses waren und heute beispielsweise auch noch Teil der Literatur sind. Kaum ein Fantasyroman kommt ohne Bogenschützen aus, man denke an Legolas im Herr der Ringe. Robin Hood wäre ohne Pfeil und Bogen nicht vorstellbar und erst damit rettet sich Katniss durch Die Tribute von Panem. Und googelt man den Begriff „Bogenschießen“ erhält man rund drei Millionen Treffer. Zudem ist Bogenschießen seit 1972 zudem eine olympische Disziplin. Da ist ganz gehörig etwas an mir vorbeigegangen …

Aufklärung bringt also nun Wulf Hein, Experte für experimentelle Archäologie und Archäo-Technik. In seinem Buch leitet er an, wie man sich Pfeil und Bogen selber bauen kann. Das richtige Werkzeug, das geeignete Holz, die besten Federn, das nötige Zubehör: Alles, was man für eine ordentliche Ausrüstung braucht, erklärt er ausführlich und leicht verständlich. Klassische Illustrationen – ebenfalls von Wulf Hein – veranschaulichen die Arbeitsschritte. Für handwerklich begabte Kinder beginnt der Spaß am Bogenschießen damit schon vor dem ersten Schuss.

Neben den praktischen Anleitungen macht der Blick auf die Geschichte und Entwicklung des Bogenschießens das Buch zu einer runden Sache. Die zehn goldenen Regeln mahnen zum richtigen Einsatz der potentiell gefährlichen Sportgeräte.

Dieses Buch ist so liebevoll gemacht, dass man sofort in den Wald laufen und die richtigen Stöcke suchen möchte. Bei all diesen sinnlichen Betätigungen – wie schnitzen, schneiden, schmirgeln, spannen, stecken, kleben – und anschließend beim konzentrierten Schießen mit den selbstgebauten Geräten bleiben Playstation, Wii oder Xboxen ganz bestimmt in der Ecke liegen.

Wulf Hein: Mein Pfeil- und Bogenbuch. Bogenbau für Kinder und Jugendliche, Verlag Angelika Hörnig, 2011, 207 Seiten, ab 8, 29,80 Euro

Die Bestie Mensch

Historische Romane haben mich schon in meiner Kindheit und Jugend fasziniert. Zwischen den Buchdeckeln auf vielen bedruckten Seiten konnte ich eintauchen in vergangene Zeiten, konnte mich wegträumen und erfuhr im besten Fall historische Fakten, die im drögen Geschichtsunterricht nie zur Sprache kamen.

Meine jüngste Zeitreise in die Vergangenheit führte mich nach Frankreich, ins Gévaudan im Jahr 1767. In ihrem Roman Wolfszeit rekonstruiert Nina Blazon in einer gelungenen Mischung aus Fakten und Fiktion eine Mordserie an Mädchen und Kindern. Eine Bestie treibt ihr Unwesen, zerfleischt und enthauptet ihre Opfer. Die Bewohner der Umgebung sind verunsichert. Ist es ein Mensch oder ein wildes Tier? Keiner hat die Bestie je gesehen. Gerüchte und Spekulationen verbreiten sich und dringen bis nach Paris und Versailles. Dort ist der junge Thomas Auvray, Zeichenschüler und Naturforscher an der königlichen Akademie, völlig von dem Untier fasziniert. Er skizziert, kombiniert und schafft es mit Verstand und Mut durchzusetzen, dass er an den offiziellen Jagden auf die Bestie teilnehmen darf.

In der Provinz begegnet er der schönen Grafentochter Isabelle. Das Mädchen ist traumatisiert, seit sie einem Angriff der Bestie entgangen ist. Thomas erhofft sich genauere Auskunft über die Bestie von ihr. Er gewinnt ihr Vertrauen und verliebt sich schließlich rettungslos in sie.

Blazon schafft aus diesem klassisch anmutenden Setting eine psychologische fundierte Aufklärungsgeschichte.  Der vernunftbegabte, aufklärerisch veranlagte Geist von Thomas trifft auf Aberglaube, Mythen und Volksglaube. Mit seiner Beobachtungsgabe sieht der junge Mann Zusammenhänge, die anderen verborgen bleiben. So löst er nicht nur das Rätsel um die Bestie, sondern kommt auch hinter das große Familiengeheimnis um Isabelle.

Über dem ganzen Roman hängt beständig ein Hauch von Mystery – die Fantasie gaukelt dem Leser trotzt Thomas’ heldenhafter Vernunft immer wieder vor, dass vielleicht doch eine Art Werwolf sein Unwesen treiben könnte. Doch Blazon gelingt es vorzüglich, diese Vermutung beständig neu zu zerstreuen und im Laufe der Geschichte deutlich zu machen, dass nicht die Wölfe die Untiere sind, sondern viel mehr der Mensch selbst zur Bestie werden kann.

Die nervenaufreibende Jagd mit ihren überraschenden Wendungen macht diesen Roman zu einem Pageturner allererster Güte, den man erst aus den Händen legt, wenn Thomas die Bestie entlarvt hat.

Nina Blazon: Wolfszeit, Ravensburger Buchverlag, 2012, 567 Seiten, ab 13, 17,99 Euro

Fantastische Faxen

Man könnte sich fragen, welche Relevanz Märchen heutzutage noch haben, jenseits der charakterbildenden Grimmschen Klassiker oder der romantisiert-verkitschten Disney-Versionen, die immerhin das Bedürfnis nach Evasion befriedigen. Wenn die Märchenprinzessin Petunia heißt und der Mondhase Flappi das Kommando übernimmt, dann bekommen Schloss, König, Drache und Co. ganz neuen Drive.

Gelungen ist diese herzerfrischende Märchenneuerung der britischen Moderatorin und Puppenspielerin Sue Monroe mit ihrem ersten Kinderbuch Prinzessin Petunia und der Mondhase Flappi von Krempel. Darin treibt die verwöhnte Göre P. F. Eigensinn, ihres Ranges Prinzessin am Hof von König Eugen und Königin Elsie, mit ihren ausgefallenen Wünschen die Eltern quasi zur Verzweiflung. Erst möchte das Kind einen Drachen mit allem Drum und Dran, verspricht, sich um ihn zu kümmern, doch kaum geht der Wunsch in Erfüllung, ist ihr der Feuerspucker schon wieder egal. Jetzt möchte P.F. einen Hasen, und zwar den Mondhasen. Ein Alptraum für alle Eltern.

P.F. bettelt wie verrückt, doch den Mond können auch Königs ihr nicht schenken. Brauchen sie aber auch nicht, denn eines nachts hält Flappi von Krempel, der Mondhase, von selbst Einzug ins Kinderzimmer. Und zeigt dem Prinzesschen, wie es ist, wenn man nicht nur an sich selbst denkt. Anstatt, dass die Königstochter von einem Helden errettet wird, muss sie selbst ran und den Vater aus den Fängen des neurotischen Nachbarkönigs befreien.

Flappi, der einen Hang zu Streifenstrumpfhosen und Kleptomanie hat, nennt P.F. respektlos „Pfuschpupsmädchen“ und mausert sich zu einem durchgeknallten Pippi-Langstrumpf-Wiedergänger des 21. Jahrhunderts. Dieser Hase ist einfach anbetungswürdig.

Monroes Einfälle sind ein Feuerwerk charmant-schräger Fantasie, vom zickigen Drachen mit Marzipan-Vorliebe, dem klauenden Hasen, der seine Beute in der Strumpfhose versteckt bis zu den liebenswert-trotteligen Königseltern. Die Übersetzung von Sigrid Ruschmeier trägt mit all den „voll blöööd“, „tollherrlich“ und „glitzerig“ zu einer frech-frischen Stimmung bei, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite bei Laune hält. Vervollkommnet wird dieses Lesefest durch die wunderbar kantigen Illustrationen von Pe Grigo, bei denen auch das Gummiband für die Königskrone nicht fehlt, und das Buch zu einem Gesamtkunstwerk machen.

Der Wandel Petunias von der verzogenen Göre zur netten, nicht mehr so ansprüchlichen Hasen- und Drachen-Freundin kommt ohne erhobenen Zeigefinger, dafür aber mit umso mehr Faxen und Spaß daher. Und das macht dieses Märchen extrem relevant.

Sue Monroe: Prinzessin Petunia und der Mondhase Flappi von Krempel, Illustration: Pe Grigo, Übersetzung: Sigrid Ruschmeier, Fischer Verlag, 2012, 136 Seiten, ab 8, 12,99 Euro

Endlich.

buddha 40 Jahre nach dem ersten Erscheinen in Japan bringt der Hamburger Carlsen Verlag nun den Manga Buddha von Osamu Tezuka heraus. Besser spät als nie, könnte man anfügen.

Doch vielleicht braucht auch alles seine Zeit, um angemessen gewürdigt zu werden. Carlsen veröffentlicht Tezukas Werk jedenfalls unter dem Label „Graphic Novel“, was vor ein paar Jahren wahrscheinlich nicht denkbar gewesen wäre.

Die Umetikettierung von Comics in Graphic Novel ist ein Phänomen der vergangenen Jahre und zeigt, wie sehr in deutschen Köpfen eigentlich immer noch das Vorurteil gegen den „Schund“ der Bildergeschichten herumgeistert. Comics, das sind Donald Duck, Micky Maus, Tim und Struppi, Asterix und Obelix – und somit angeblich nur was für Kinder (Donaldisten mal ausgenommen). Graphic Novels hingegen sind erwachsen, anspruchsvoll, gebildet und cool – also genau richtig für vermeintlich fortschrittliche Hipster. Und so verkaufen sich Comics und Mangas unter dem neuen Genre-Namen plötzlich besser und sind en vogue.

Auch wenn ich über diesen „Etikettenschwindel“ manchmal noch den Kopf schüttele, so soll er mir doch recht sein, wenn dadurch Bildergeschichten wie die von Osamu Tezuka endlich wertgeschätzt und ins Deutsche übersetzt werden.

Tezuka, der Schöpfer von Astro Boy und Kimba, der weiße Löwe, wird in Japan als „Gott der Manga“ verehrt. Ein Stellenwert, den hierzulande kein Comic-Zeichner bis jetzt erreicht hat. Seit ich vor Jahren Tezukas Pentalogie Adolf verschlungen habe, gehört er zu meinen persönlichen Favorits. Dementsprechend gespannt war ich auf den ersten Teil seiner Buddha-Biografie – und bin jetzt mal wieder so richtig angefixt.

In dynamischen Bildern, kräftigen Strichen und abwechselungsreichen Panels erzählt er in Band 1 von einer zutiefst ungerechten, hierarchischen Gesellschaft, in der das Kastensystem vor allem die Ärmsten der Armen knebelt. So hoffen die Menschen auf einen Erlöser, der sie aus ihrem unverschuldeten Elend befreien soll. Der Mönch Naradatta wird ausgeschickt, nach diesem Auserwählten zu suchen. Er trifft die Jungen Tatta und Chapra, die aus den untersten Kasten stammen. Gemeinsam entkommen sie mordenden Soldaten und gelangen in die Stadt Kapilavastu. Dort mehren sich die Anzeichen, dass ein Wunder kurz bevorsteht. Wenig später bringt Prinzessin Maya ihren Sohn Siddhartha zur Welt.

Wohin die Erzählstränge um Naradatta, Tatta und Chapra führen werden, bleibt in diesem ersten von insgesamt zehn Teilen natürlich unbeantwortet. Doch Tezukas humanistischer Anspruch ist schon hier sehr eindrücklich zu spüren. Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeit stellt er an den Pranger. Dass er diese Geschichte vor über 40 Jahren gezeichnet hat, ist dem Werk in keinem Panel anzusehen, viel mehr reißen die augenzwinkernden Anspielungen auf die Gegenwart den Leser immer wieder aus der erzählten Zeit heraus und verweisen darauf, dass die Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft auch 2500 Jahre nach Buddha immer noch die Welt regieren.

Man muss kein Buddhist sein, um den Wert dieses Mangas schätzen zu können. Mit Band 1 startet ein beeindruckendes Werk der grafischen Literatur, das in keiner Comic-Sammlung fehlen darf. Nur gut, dass die nächsten Bände in kurzen Abständen erscheinen – dann dauert die Qual des Wartens nicht allzu lange.

Osamu Tezuka: Buddha, Bd.1 Kapilavastu, Übersetzung: John Schmitt-Weigand, Carlsen Verlag, 2012, 310 Seiten, 22,90 Euro